Lorbeerlikör alla Mamma


Als ich mit meiner Freundin Michaela über meinen Blog sprach, befand sich dieser Likör noch in der Anfangsphase seiner Entstehung. Ich sagte ihr, ich würde ihn aufgrund seiner Besonderheit gerne hier vorstellen. Dann meinte sie aber: „Warum Alkohol?” Wir hatten gerade darüber und die Folgen exzessiven Trinkens gesprochen. Ich meinte, sie habe wohl recht und würde darauf verzichten, das Ergebnis hier zu präsentieren. Aber er ist einfach lecker, finde ich — ebenso wie die Geschichte dahinter ganz nett ist. Und schließlich soll er ja genossen und nicht vernichtet werden…

Auf die Idee, Lorbeerlikör anzusetzen, kam ich wieder einmal auf Sizilien. Wir hatten das Haus am Meer unserer Freunde gemietet und entdeckten im Tiefkühlfach des sonnengelben Kühlschranks zwei Schätze: einen Limoncello und ein grünes Etwas, was natürlich probiert werden wollte. Eisgekühlt und dickflüssig kam der kleine Schluck in meinem Mund an und entfaltete dort ein wunderbares Aroma. Es erinnerte mich an den selbstgemachten Mastiha aus Griechenland, den wir bei Freunden getrunken hatten und der durch seine harzige Note hervorsticht.

Um das Rätsel zu lösen, riefen wir gleich unseren lieben Freund Carmelo an, der uns sagte, es handele sich um einen Lorbeerlikör, den seine Mamma gemacht habe. Complimenti! Obwohl ich fast asketisch bin, was prozentehaltige Getränke angeht, lockte mich die Herausforderung. Der Zufall wollte es, dass unser Lieblings-Gemüsehändler in seinem Garten einen Lorbeerbaum hat und uns freundlicherweise ein paar Zweige davon in die Hand drückte. Wir haben hier zwar auch einen. Da stecken aber mehr ostfriesischer Wind und Regen drin und nicht die Sonne Siziliens. Und genau diese fing ich zuhause ein. Dazu brauchte ich 96%igen Alkohol, der hier nicht ganz billig ist — im Gegensatz zu dem auf Sizilien. Da meine Kofferwaage aber schon Übergewicht angezeigt hatte, wollte ich es nicht auf die Spitze und Mitreisende in den Wahnsinn treiben — das hatte ich schon mal in England, wo ich all die leckeren Süßigkeiten, die ich nach Hause mitnehmen wollte, der netten Dame am Infoschalter schenkte, da ich bzw. mein Gepäck das zulässige Gesamtgewicht überschritten hatte. Ich tat ihr aber wohl leid, sodass sie mir kurz vor dem Boarding wieder meinen Christmas Pudding in die Hand drückte.

Ich bestellte also den Alkohol bei einer Brennerei und ging wie folgt vor:

Zutaten:

600ml Trinkalkohol (96%)

30 Lorbeerblätter, frisch

300g Kristallzucker

Wasser

Die Lorbeerblätter werden mit Alkohol aufgegossen. Das sieht dann z.B. so aus:


Dieser Ansatz steht dann für 3,4 Wochen an einem kühlen, dunklen Ort. Zwischendurch sollte er leicht bewegt werden. Ich habe nach drei Wochen mit der Weiterverarbeitung beginnen — mit dem Resultat, dass die Lorbeernote nicht allzu dominant ist. Die Farbe, welche der Alkohol nach dieser Zeit angenommen hat, ist beeindruckend:


Nach der Ruhezeit den Alkohol durch ein feines Sieb gießen, Lorbeerblätter entsorgen.

Dann wird wie folgt Läuterzucker hergestellt:

300g Kristallzucker werden mit

300ml Wasser erhitzt.

Das Ganze lässt man 10Min. sprudelnd kochen und abkühlen. Der Alkohol wird hinzugefügt und die Flüssigkeit mit zusätzlichem Wasser bis auf 2L aufgefüllt, um einen Alkoholgehalt von ca. 30% zu erreichen. Netterweise war der Sendung der Brennerei eine Tabelle beigefügt, welche für die Herstellung der gewünschten Konzentration sehr hilfreich ist.

Ihr werdet fetstellen, dass die Farbe sich wieder verändert hat und die Konsistenz nun die eines Likörs ist. Ab in die Tiefkühltruhe damit — Salute!

Warum man nicht nur in Erfurt auch mal nach oben schauen sollte

Gerade wenn  wir uns in der Betriebsamkeit des Alltags vorwärtsbewegen, tun wir das meist mit nach vorn gerichtetem Blick. Das ist durchaus sinnvoll. Man könnte sonst nämlich wie Hans-Guck-in-die-Luft straucheln oder wie ich als Kind unsanft in einer Baugrube landen. Wenn man aber nicht mit Tunnelblick, sondern geweitetem Fokus seine Umgebung erkundet, gelingt das relativ sicher. Und so habe ich, während ich mich zuhause und auf Reisen fortbewegte, immer wieder festgestellt, dass man öfter mal nach oben blicken sollte. Nicht selten sieht man da interessantere Dinge als die, welche sich uns auf Augenhöhe offenbaren.

Dieses Bild entstand bei meinem ersten Aufenthalt in Erfurt. Ich hatte das Glück, meinen Mann auf einer Dienstreise begleiten zu können. Während die letzte Etappe dorthin durch teilweise beklemmend anmutende Dörfer führt, ist diese Stadt an der Gera eine kleine Perle. Die Krämerbrücke, auf der dieses Foto entstand, spannt sich über die Gera, genauer gesagt, den Breitstrom, einen ihrer Seitenarme, und verbindet damit den Benediktsplatz mit dem Wenigemarkt. Wer nach Erfurt reist, kommt an dieser Brücke nicht vorbei. Sie lädt ein zum Innehalten und eben auch dazu, mal nachzusehen, was über einem so los ist. Dann entdeckt man nämlich z.B. auch solche Gesellen:


Als ich dieses Fenster sah, fragte ich mich wie so häufig, wer wohl dahinter wohnen mochte. Ich dachte, das müssten wohl Leute sein, mit denen man bei einer Tasse Kaffee nett plaudern und vielleicht noch ein paar Insidertipps über die Stadt bekommen könnte. Ich habe mit nach oben gerichtetem Blick noch viele Schönheiten dieser Stadt kennengelernt.

Auf Augenhöhe habe ich innige Momente erlebt:


Und da waren auch viele Menschen, welche diese stellenweise mediterran anmutende Stadt mit sommerlicher Leichtigkeit erkundeten:


Erfurt ist außerdem herrlich bunt und meine Begegnungen mit den Menschen dort waren ausnahmslos freundlich. Kleine Gassen wollen entdeckt werden und verwöhnen den Besucher mit kulinarischen Leckereien wie hier bei Vinho, wo man sich mit spanischen Köstlichkeiten stärken kann:


https://www.facebook.com/vinhofeinkost#_=_

Was die Einkaufsfreuden angeht, gibt es neben den Kettenläden, welche inzwischen das Bild jeder Stadt mitprägen, viele kleine, inhabergeführte Geschäfte, welche mit ihrer Liebe zum Detail bestechen:


Liebe zum Detail — die begegnet einem tatsächlich an jeder Ecke. Es lohnt sich, diese zu entdecken und Zeit mitzubringen, damit man die Schönheiten dieser Stadt wahrnehmen kann.

Zurück zur Krämerbrücke — dort kann man sich wunderbar einquartieren:

http://www.schlafen-an-der-kraemerbruecke.de

und sich vorher bei Goldhelm ein Betthupferl, z.B. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel”, organisieren oder von dem köstlichen Eis aus der Manufaktur naschen:

http://www.goldhelm-schokolade.de

Kann sein, dass man ein bisschen anstehen muss, aber die Wartezeit kann man ja damit verbringen, dass man ein bisschen nach oben schaut…


Ich freue mich, diese Stadt an der Gera bald wiederzusehen — erstmalig im Herbst, aber das wird bestimmt auch sehr schön — anders schön…

Von leeren Nestern und neuen Wegen


Über Pflichten habe ich nie wirklich nachgedacht — über deren Sinn und Unsinn schon eher, immer wieder. Wenn ich aber eine Pflicht erst einmal als solche angenommen habe, erledige ich diese ohne zu hadern, versuche, die auch weniger angenehmen Aufgaben, die mit ihr verbunden sind, zu erledigen, ohne nach dem Warum zu fragen. Manchmal gewinne ich sie dabei lieb, sodass sie gar nicht mehr als Last erscheinen…

Ich sagte mal:„Kein Brot ist so hart verdient wie das einer Mutter, aber keines schmeckt so süß.” Habt ihr mal auf einem Stück Brot rumgekaut, so richtig lange? Und konntet ihr währenddessen feststellen, dass es immer süßer wurde? Das kommt von der Stärke darin, die durch den Speichel aufgespalten wird. Dabei wird Zucker frei.

Stärke — die braucht man auch als Mutter — für sich selbst und für die „Brutpflege”. Manchmal geht man recht blauäugig vor, geht es um Kinderwunsch und dessen Umsetzung. Ich muss ehrlich sagen, dass ich froh war, nicht zu wissen, was mich da erwarten würde. So geht es mir mit anderen Dingen allerdings auch. Aber es soll ja auch ein bisschen spannend bleiben… Ich war mir zu jeder Zeit meiner Verantwortung bewusst und trotzdem war, ist die Zeit mit unseren Jungs ein großes Abenteuer. Wie auf einem Dauer-Survival-Trip habe ich mir mächtig Schrammen und blaue Flecken eingefangen, fand aber auch immer wieder Stellen, an denen ich innehalten und mich laben, freudig zurückblicken konnte auf den Weg, den wir mir den Jungs schon zurückgelegt hatten — den Weg, den sie später weiterbestimmen würden, mit ihren Eltern als — mehr oder weniger — stille Gefährten. Wo anfangs gemahnt wurde, ist nun eher Rat gefragt oder einfach nur Zuhören. Ich genieße es, mit den Jungs, welche einst in meinem Bauch wuchsen, dann an meiner Seite aufgewachsen sind, auf Augenhöhe zu sein. Um das aber so zu erleben, ist eines wichtig: Loslassen.

Loszulassen fällt nicht leicht, aber dennoch können wir uns vor dieser Erfahrung nicht schützen. Manchmal wird man losgelassen und kann nicht zurück. Manchmal muss man dieses von sich aus tun — für andere oder sich selbst. Wenn ein Kind laufen lernt, hält man es am Anfang noch fest: Man greift von hinten unter beide Ärmchen, man fasst es von vorne an beiden Händchen, bis man eine loslässt. Es lernt, an Gegenständen entlangzulaufen. Dann reicht eine Hand der Eltern als Hilfestellung, bis es schließlich alleine losmarschiert und am Ende losrennt, um seine Welt zu entdecken. Ähnlich verhält es sich, sollte es zumindest, mit dem Lebensweg der Kinder. Man muss sie loslassen, damit sie selbst erfahren. Man bleibt dabei selbst in sicherem Abstand, um möglicherweise schützend einzugreifen. Das soll aber nicht bedeuten, alles von ihnen fernzuhalten. Denn das stört sie in ihrer Entwicklung.

Aufzugehen in der Mutterrolle, ohne sich dabei aufzugeben — ein Balanceakt, welcher auch dem Umstand geschuldet ist, dass diese viel Zeit und Raum beansprucht. Ich habe viele Mütter „muttieren” und sich selbst verlieren sehen — Mütter, welche sich gänzlich über ihre Kinder und diese eine Rolle definiert haben. Es sind Frauen, welchen der Boden unter den Füßen wegzubrechen scheint, wenn der Nachwuchs flügge wird. Manche unter ihnen versuchen, diesen Zeitpunkt möglichst hinauszuzögern, indem sie das „Hotel Mama” mit Serviceleistungen wie Fahrdiensten 24/7 offen halten. Aber warum? Warum legt man sich auf diese eine Rolle fest und bürdet damit seinen Kindern und auch dem Partner eine enorme Last auf?

Ich kann für mich sagen, dass ich gerade die Zeit, wo unsere Jungs auch meiner physischen Präsenz noch stark bedurften, sehr genossen habe. Ich habe die Momente förmlich aufgesaugt, habe all die Bilder im Kopf oder wie unten auf Fotopapier. Ich habe aber immer gewusst, dass dieses nur eine Phase von vielen in meiner Beziehung mit Ihnen sein würde. Und so sind wir von einer zur anderen marschiert, mal mit mehr, mal mit weniger Nähe. Ich versuchte dabei, sie zu ermutigen, eigene Entscheidungen zu treffen und auch mit deren Folgen zu leben.

Beide verließen das Nest nach dem Abitur. Aber das Nest ist nicht leer — im Gegenteil. Sie sind noch immer hier, wenn auch weniger physisch. Was jetzt aber auch da ist, ist Zeit für mich. Auch wenn ich mir diese im Rahmen meiner Möglichkeiten immer genommen habe, war diese doch beschränkt. Ich habe in meinem Kopf eine Bucket List, die sich wie von selbst füllt und die ergänzt wird durch Dinge, welche vorher einfach nicht möglich waren. Das Leben ist so spannend —  viel zu spannend, um ein vermeintlich leeres Nest zu beweinen.

Als Übersetzerin und Dozentin habe ich einen Beruf, der mich mit vielen Menschen zusammenbringt. Dank des Internets können mittlerweile viele zumindest teilweise ortsunabhängig arbeiten und neue Wege gehen. Auch das ist ein Feld, welches ich bestellen möchte. Mehr dazu aber an anderer Stelle.

Ihr macht das, Jungs und ich bin dankbar und voller Freude, euch auf eurem weiteren Weg begleiten zu dürfen. Und wenn ihr ab und zu in euer Nest zurückfliegt, genieße ich das sehr…

Kaffee — viel mehr als nur ein Heißgetränk


Dieses Foto entstand bei Eataly in Rom, einem — dem Schlaraffenland, wo dem Liebhaber der italienischen Küche förmlich jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird.

http://www.eataly.net/it_it/negozi/roma/

Ich war dort mit Andreina, meiner lieben Freundin. Nach Jahren hatten wir es geschafft, dass sie mir „ihr” Rom zeigen konnte. Kennengelernt hatten wir uns dadurch, dass wir damals in Neustadt/Wstr. die Wohnung unter ihr bezogen. Als sie hörte, dass bald ein Soldat mit Frau und Kind unter ihr wohnen würde, war ihr unbehaglich. Sie hatte viele Jahre in Stuttgart gelebt und stand möglicherweise noch ganz unter dem Eindruck der dortigen Kehrwoche, welche Menschen zu Sklaven sauberer Gehwege machte. Sie hatte wohl die Befürchtung, mit einem Soldaten in unmittelbarer Nähe wäre es fortan vorbei mit der Beschaulichkeit. Aber sie kannte uns nicht. Und als wir einander begegneten, waren ihre Bedenken sofort verflogen. Es entstand eine wunderbare Freundschaft, welche bis zum heutigen Tag anhält.

Wer als nicht Eingeweihter in Italien einen Caffè bestellt, wird sich über das Pfützchen in der Tasse wundern, welche über den Tresen gereicht wird. Format und Stärke entsprechen einem Espresso. Wer es größer und weniger stark haben möchte, bestellt sich einen Caffè americano. Latte macchiato  oder Cappuccino trinkt der Italiener, wenn überhaupt, nicht nach dem Vormittag — aber das nur nebenbei.

Wenn ich an Italien denke, dann sehe ich auch kleine Gassen, die nach Caffè duften, ich sehe Menschen, die schon morgens munter miteinander plaudern. Auch für mich beginnt der Tag mit einem Kaffee. Ohne würde mir etwas fehlen.

Ich liebe den Duft frisch gemahlener Bohnen aus der lokalen Rösterei, die nun schon seit einigen Jahren ihre Kunden mit leckersten Sorten verwöhnt, und zwar hier:

http://www.kaffeeroestereibaum.de

In einer Region der Teetrinker befindet sich nun also der Kaffee zu meiner Freude auf einem ungebremsten Siegeszug. Aber auch außerhalb Ostfrieslands erleben wir einen Kaffeeboom — mit der Folge, dass auch Dank kleiner Röstereien die Geschmacksvielfalt immer größer wird. So kann ich mir auch immer wieder Kostproben von unterwegs mitbringen.

Mein Morgenritual besteht u.a. darin, dass ich zuerst das Radio und dann die Kaffeemaschine einschalte. Manchmal bereite ich ihn auch klassisch-einfach in einem Espressokocher auf dem Herd zu. Ich mag dieses brodelnde Geräusch und den Duft, der sich nach und nach in der Küche ausbreitet. Je nach Zubereitungsart kann dieselbe Bohne sehr verschieden schmecken. Mit der ersten Tasse Kaffee starte ich in den Tag, den ich mit Spannung erwarte. Neben all den Aufgaben, die einen erwarten, geschehen oft auch unerwartete und überraschende Dinge — wenn man diese als solche wahrnimmt. Trotz der täglichen Routine ist eben nicht jeder Tag gleich. Man meint das manchmal nur so, weil man gefangen ist in seinem oft selbst geschnürten Korsett. Tagsüber bedeutet die Tasse Kaffee für mich auch ein Innehalten — und sei es nur für einen Moment. Ich denke, so kleine Ruheinseln sind sehr wichtig und man sollte sie sich schaffen, wenn es die Zeit erlaubt. Auch das ist meistens der Fall. Man denkt oft nur, dem sei nicht so. Und auch weil er mich immer wieder dazu anhält, mich für einen Moment aus der Betriebsamkeit des Alltags auszuklinken, ist Kaffee für mich viel mehr als bloß ein Heißgetränk…

Von Händen und Eisbergen


„An den Händen einer Frau sieht man das Alter”, sagte meine Schwiegermutter einst, ich kannte sie damals noch nicht, um ihrem Sohn eine Frau auszureden, in die er sich verkuckt hatte. Ja, Hände sind in der Tat Spurenträger des Lebens ihrer Besitzer. Diese Hände gehören einer alten Dame, welche während meines Maltaaufenthaltes in demselben Bus fuhr wie ich — zwei Frauen, zwei Leben, zwei Geschichten. Ja, die Hände mögen ihre Trägerin, welche mittlerweile einen Gehstock braucht, um Pausen einzulegen, sich fortzubewegen, über viele Jahre begleitet haben. Die Haut ist nicht mehr so straff wie einst, die Knochen haben sich verformt. Diese Hände sahen, wie Völker  dieser Welt einander bekriegten und vieles mehr. Was auch immer sie aber erlebt haben mögen — es tat ihrer Schönheit und Eleganz keinen Abbruch. Vielleicht hat der Glaube die Besitzerin gestärkt — auf einem der beiden Armbänder befinden sich religiöse Symbole. Tatsächlich habe ich gefühlt noch nie so eine Dichte an Gotteshäusern erlebt wie in Malta, wo 98% der Bevölkerung römisch-katholisch ist. Zur Zeit werden Glaubensfragen mehr diskutiert denn je. Aber das ist ein anderes Thema.

Diese Hände wirken trotz oder auch wegen ihres Alters schön. Für mich ist auch schön, was zum Entdecken einlädt. Sie sind gepflegt, sie sind geschmückt und ihre Haltung zeugt von Eleganz. Was auch immer die Dame, zu der die beiden Hände gehören, erlebt haben mag — sie hat sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters nicht aufgegeben. Sie achtet sich selbst, achtet auf sich. Letztendlich ist dieses unerlässlich, wollen wir uns nicht verlieren. Viele lassen sich gehen, wenn sie in ihrer vermeintlichen Komfortzone angekommen sind, manche tragen per se eine latente Gleichgültigkeit in sich. Andere wiederum denken, Schönheit sei alles, was ebenmäßig und glatt ist und investieren viel Energie und auch Geld in das Ausmerzen nach außen sichtbarer Reifungsprozesse. Dabei radieren sie auch ein Teil ihres Erlebten aus — wenn es wirklich gelebte Zeit war und nicht nur Jahre, die das Leben aufgebraucht hat. Sich anzunehmen, sich nicht daran zu stoßen, dass vergangene Jahre auch Spuren hinterlassen, hat für mich auch etwas mit Dankbarkeit und Wertschätzung seiner Selbst zu tun. Wir sind viel mehr als das, was man von uns sieht. Letztendlich sind wir wie Eisberge, von denen nur ein Bruchteil an der Oberfläche ist. Wer das Leben und sich selbst annimmt, will von anderen entdeckt werden.

Mich haben diese Hände fasziniert. Ich hätte gerne erfahren, wer und was sie geformt hat…

Von Türen in Malta und anderswo


Bevor ich anfing, meine Gedanken zu dieser roten Tür niederzuschreiben, musste ich erst einmal nachforschen, wohin sie überhaupt führt… Es ist der Fontanella Tea Garden in Malta, der wie viele Gebäude dort im maurischen Stil gehalten ist. Malta war aufgrund seiner geostrategischen Lage im Fokus der Begierde, sodass es wechselnde Besatzer hatte. Im Mittelalter waren es die Mauren, deren Bauten bis heute das Bild des Inselstaates mitprägen. In Malta „strandete” ich im Rahmen einer zweiwöchigen Fortbildung, die mir glücklicherweise genügend Zeit für meine geliebten Streifzüge mit der Kamera ließ.

Manchmal fotografiere ich, während ich mich dabei fortbewege, und bin am Ende positiv überrascht, was ich da so alles eingefangen habe. Ich bewege mich dann mit der Kamera wie ohne. Mit ihrem Auge kann ich jedoch weiter sehen, besser fokussieren. Wenn es die Zeit erlaubt, ich alleine bin oder meine Begleitung entsprechend geduldig ist, bleibe ich aber wie hier stehen.

Warum gerade hier? Nun, Gassen und Türen üben eine gewisse Faszination auf mich aus. Gassen sind Abzweigungen stark frequentierter Wege. Oft haben Sie etwas Mysteriöses, Unbekanntes. Sie laden ein abzuschweifen, Neues und Fremdes zu entdecken, haben etwas Unkonventionelles. Bei Türen kommt es darauf an, wo diese sind und auf welcher Seite der Tür man sich befindet: Türen in Gebäuden dienen dem Rückzug und dem Einrichten von Tabuzonen. Wird eine Tür von der anderen Seite des Raumes, in dem man sich befindet, geschlossen oder dreht sich sogar der Schlüssel im Schloss, ist man ein Gefangener.

Aber diese rote Tür ist außen. In Malta gibt es viele bunte und alte Türen — älter als man selbst, viel älter — Türen, die möglicherweise ein jahrhundertelanges Kommen und Gehen erlebt haben, wenn sie nicht zwischenzeitlich ausgetauscht wurden. Eine Außentür dient den in einem Haus lebenden Menschen als Abgrenzung und Schutz. Von außen weckt sie mitunter Neugierde und lädt ein, die Welt und die Menschen dahinter kennenzulernen. Diese Tür in der Gasse macht auch durch ihre Farbe auf sich aufmerksam. Sie schreit förmlich danach, geöffnet zu werden und einzutauchen in das, was sich dahinter befindet. Ich habe sie nicht geöffnet. Das lag hauptsächlich an den ungeduldigen Guides, welche den Teilnehmern der Fortbildung die Schätze Maltas näherbringen wollten — möglichst viele, möglichst schnell. Schade: auch hier wäre weniger mehr gewesen. Wollt ihr Malta entdecken, macht das alleine — nur so ein Tipp.

Verrückt, dass ich erst Jahre nach meiner Reise erfahren habe, was sich hinter dieser roten Tür verbirgt, wohin sie führt. Wenn man oben auf der Terrasse steht, kann man blicken, so weit das Auge reicht — das alles bei leckeren Speisen und Getränken.

Stellt man sich das Leben als Weg mit Türen vor, dann gibt es da am Anfang welche, durch die man geführt wird. Wer Glück hat, kann möglichst früh eigene entdecken und sich entscheiden, welche er öffnet, durch welche er geht. Manchmal wünscht man sich dabei, man hätte die eine oder andere nicht einmal geöffnet. Aber selbst wenn man die vermeintlich falsche Tür gewählt hat, hat man gelernt und vielleicht wertvolle Erfahrung mitgenommen. Manchmal verzweifeln wir oder kapitulieren sogar, wenn die Tür, für welche wir uns entschieden haben, verschlossen ist. Wir sind so fixiert auf diese eine Tür, dass wir all die andern, die uns offenstehen, nicht wahrnehmen. Schade — manchmal verbirgt sich gerade hinter einer anderen das Bessere, das Authentischere. Wir denken, wir hätten keine Wahl, wenn eine Tür verschlossen ist oder nur eine offen. Durch offene Türen zu gehen, mag bequem sein. Das Bequeme ist verlockend. Aber ob wir daran wachsen, zu uns selbst finden, das ist eine andere Frage.

Im Nachhinein finde ich es schade, nicht durch diese rote Tür gegangen zu sein und diesen Ausblick genossen zu haben. Andererseits kann man aber nicht durch jede Tür gehen, welche geöffnet werden will…

Sprachlos


Kennt ihr Baci, diese italienischen Schokopralinen in blauem Papier mit Sternen drauf? Ähnlich wie bei den Glückskeksen, die man beim Chinesen bekommt, sind darin kleine Lebensweisheiten versteckt. Oft werden sie aber achtlos samt dem Papier weggeworfen — schade drum. Dabei sind manche Sprüche es wirklich wert, gelesen zu werden und ihrer Einladung zum Innehalten zu folgen. Dieser Bacio, dieser Kuss, wurde mir samt einem doppelten Espresso in einer Bar in Rom serviert…

Sprachlos kann man aus vielen Gründen sein. Dabei ist Sprachlosigkeit nicht immer negativ, kann einem doch ein besonders schönes Ereignis die Sprache verschlagen oder ein Mensch, der das Herz eines anderen berührt — so sehr, dass er es diesem öffnet.

Aber da gibt es auch diese andere Sprachlosigkeit, welche wirkt wie ein schleichendes Gift.

Wir begegnen einander, erforschen einander, wollen wissen, wer das ist, den man da in sein Herz lässt. Irgendwann ist man einander vertraut — so vertraut, dass man denkt, es bedürfe keiner Worte mehr — alles gesagt, alles gedacht, für den andern gleich mit, wissen wir doch, wie der andere „tickt”. Aber kennen wir wirklich denjenigen, dessen wir so überdrüssig geworden sind, dass wir ihm nicht mehr zuhören, ihn anschweigen? Ist das so? Kennt man sich denn selbst?

Schweigen ist nicht fair. Schweigen macht ohnmächtig — den Angeschwiegenen wie den Schweigenden selbst. Dieser wird nämlich irgendwann erkennen, dass doch nicht jeder Gedanke gedacht und jedes Wort gesprochen war. Möglicherweise ist es dann aber zu spät: vielleicht hat derjenige, dem man einst sein Herz öffnete, dieses längst durch dieselbe Tür verlassen, die ihm einst Zutritt verschaffte und hinter sich geschlossen…