Eine veränderte Perspektive kann manchem den Schrecken nehmen

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.” — Jean Paul

Es liegt nahe, dass dieser Satz Angehörigen von Verstorbenen Trost spenden soll. Wie sollte ein geliebter Mensch weiterleben, wenn nicht in der Erinnerung derer, an deren Seite nun ein Platz leer bleibt? Nun haben es aber Aphorismen an sich, dass sie in einem bestimmten Kontext geäußert werden und dadurch in genau dieser Situation passen und in anderen vielleicht auch — in vielen aber eben nicht. Gerade soziale Netzwerke werden schier überflutet mit Lebensweisheiten, welche z.T. unreflektiert geteilt werden, weil sie oberflächlich gesehen treffend sein mögen. Geht man aber der Sache auf den Grund, sieht das schon ganz anders aus. Nehmen wir mal die Bildunterschrift. Was den genannten Kontext angeht, passt dieser Satz durchaus.

Was ist nun aber mit Menschen, welche an Demenz erkranken? Es ist genau das Paradies, manchmal die Hölle, der Erinnerung, aus dem bzw. der sie verstoßen werden oder wovor sie gar unbewusst fliehen. Was biochemische Prozesse angeht, gelangen Hirnforscher zu immer mehr Erkenntnissen. Dennoch ist die Erkrankung viel zu komplex, als dass man definitiv sagen könnte, wer sie warum bekommt oder eben auch nicht. Dieses Schreckgespenst hat viele Gesichter, ebenso wie der Umgang damit.

Demenz ist ein schleichender Prozess. Wer der Wahrheit ins Auge blickt und sich über diese Krankheit irgendwie informiert hat, ahnt, was auf den Betroffenen und einen selbst als Angehörigen zukommt. Nicht nur der Verlust der Erinnerung, die gestohlene Lebenszeit sind für Erkrankte wie Nahestehense dramatisch. Demenz hat auch etwas mit Würde zu tun und etwas mit deren gefühltem Verlust. Denn es wird alles vergessen — am Ende sogar das Atmen.

Würde ich jetzt meine Erfahrungen mit der Demenzerkrankung meiner Schwiegermutter an dieser Stelle aufschreiben, wäre das ein Buch und würde damit zumindest hier den Rahmen sprengen.

Warum schreibe ich überhaupt darüber? Nun, einerseits wollte ich damit zum Ausdruck bringen, dass man nicht einfach Secondhand-Gedanken unreflektiert in den Raum werfen sollte. Sie passen nicht immer und haben zuweilen etwas Überhebliches oder Belehrendes, womit man u.U. genau das Gegenteil davon erreicht, was man beabsichtigt hat.

Zum anderen habe ich im Leben gelernt, Dinge und Menschen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, was manchem auch die Schärfe nimmt. Als ich merkte, was  mit meiner Schwiegermutter los war, bewahrheitete sich bis zu einem gewissen Zeitpunkt alles, was ich befürchtet hatte. Wenn man dann mittendrin ist im Geschehen, selbst erlebt, worüber man vorher lediglich gelesen, wovon man gehört hat, wird es dadurch nicht leichter.

Auf der Odyssee zwecks Suche nach einer geeigneten Pflegeeinrichtung begegneten wir Menschen mit verschiedenen Stadien der Erkrankung. Manche von denjenigen mit Weglauftendenz waren in sog. geschützten Bereichen, welche auch wir besucht haben. Diese verzehrenden Blicke, diese Sehnsucht nach Jugend in den Augen bohrten sich tief in meinen Körper. Hände, die nach mir griffen, mich streichelten, mich nicht loslassen wollten, ein Mund, der meine Hand küsste — diese Bilder ließen mich wochenlang nicht los. Meine Schwiegermutter, einst starke Frau, die vor mir sitzt und sagt, sie verliere den Verstand, während ihr Tränen über die Wangen laufen. Manchmal war das zu viel für mich, sodass ich kurz auf den Flur musste, um mich zu sammeln oder selbst zu weinen. Demenz macht Angst. Und das tut sie auch heute noch. Nur denke ich nicht daran. Denn Angst ist wie ein schleichendes Gift.

Die Besuche in der Einrichtung, wo Menschen sich liebevoll um ihre Schützlinge kümmern, hatten am Anfang noch etwas Schweres für mich. Inzwischen ist das anders. Mittlerweile habe ich Tränen gelacht und die Aufenthalte sind zu einem liebgewonnenen Ritual geworden. Wenn ich komme, freuen sich die Bewohner. Die Begrüßungen sind z.T. liebevoll, Augen leuchten. Ich meine — wer kann schon von sich sagen, dass er so empfangen wird? Man wird genau gemustert und die Kleidung wird ebenso kommentiert. Als ich mal mit einer skinny Lederhose daherkam, wurde die per Hand begutachtet mit dem Kommentar:„Sag mal, Anneliese — so heißt meine Schwiegermutter — das wäre doch auch was für uns.” Antwort:„Jo, mol gugge.” Das ist pfälzisch und heißt „ja, mal sehn.” „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben — wo ist denn mein Schatz geblieben? Der ist nicht mehr da. Ist wohl in Amerika.” Wahrscheinlich eher nicht, aber lustig ist es schon, wenn unvermittelt hinterm Rücken diese Feststellung gemacht wird. Eine langjährige Freundin, welche sporadisch ihre an Demenz erkrankte ehemalige Arbeitskollegin in einer Pfleggeinrichtung besucht, beschrieb die Begegnungen dort als „traurig-schön”. Ja, das trifft es wohl sehr gut.

Perspektivwechsel, gepaart mit einer kräftigen Prise Humor, sind unverzichtbar, um die Hürden des Lebens zu nehmen. Wenn man das nicht schafft, steckt man fest und dreht sich nur noch um die eigene Achse. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.” Dieses Zitat stammt übrigens nicht von Wilhelm Busch. Ist auch egal — passen tut es. Immer.

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