Salz auf unserer Haut

Ich sitze hier an einem Lieblingsplatz an einem Lieblingsort auf meiner Lieblingsinsel. Trappeto ist ein verschlafener Ort, ca. 40Min. mit dem PKW — je nach Fahrstil — von Palermo, Siziliens Hauptstadt, entfernt. Wie kommt aber ein zivilisationsgeschädigtes Menschenkind dazu, mehrere Wochen am Stück und wiederholt an einem Ort zu verbringen, der aus der Zeit gefallen scheint? Nun, nach einem ersten Aufenthalt in der Hauptstadt über Silvester — sehr zu empfehlen — war schnell klar, dass auf Sizilien ohne Italienisch quasi nichts geht, es sei denn, man nimmt in Kauf, sich ausschließlich über nonverbale Kommunikation zu verständigen. Also musste ein Italienischkurs her, nachdem ich diesem Fleckchen Erde vom ersten Augenblick an verfallen war. Wie gut, dass es eine Kollegin gab, die Italienisch unterrichtet bzw. Sizilianisch. Manche Italiener behaupten nämlich, dass Sizilianer gar keine Italiener seien und sowieso kein Italienisch sprächen.

Wie bei Sizilien sprang auch bzgl. Daniela sofort der Funke über. Sie hat mit ihrer Familie in Trappeto ein Ferienhaus, wo wir dann schließlich Urlaub machten. Im Sommer gibt es dort ca. 4500 Menschen, dreimal soviel wie im Winter. Und diese sind fast ausschließlich Sizilianer aus Ohligs und Umgebung. Wie kommt aber jemand aus Trappeto nach Ohligs und wieder zurück? Dazu näheres im unterstehenden Link.

Als Deutschland um Gastarbeiter warb, weil Männer knapp waren, folgten u.a. Bewohner dieses kleinen Fischerdorfes dem Ruf aus der  Bundesrepublik und machten sich auf, bei der Herstellung von Messern, Regenschirmen u.a. mitzuwirken. Und so kommen sie bzw. ihre Nachkommen natürlich jedes Jahr mindestens einmal mit Kind und Kegel zum Heimatbesuch. Ich habe nie zuvor soviel geballte Herzlichkeit und Lebensfreude erlebt wie auf Sizilien und besonders an diesem Ort, der mir inzwischen so vertraut geworden ist. Andererseits habe ich auch schmerzlich die innere Zerrissenheit der Menschen gespürt, die quasi mit dem Kopf in Deutschland sind und mit dem Herzen in ihrer Heimat. Der Süden Italiens ist strukturachwach, mit einer Jugendarbeitslosigkeit von stellenweise 40%. Da wird manch pragmatische Entscheidung getroffen.

Als Besucher betrachtet man diesen Ort wahrlich aus einer anderen Perspektive. Für mich ist Trappeto ein Ort der Entschleunigung und ein Schlaraffenland. Er macht mein Herz warm und ist für mich zur Seelenheimat geworden.

Und so habe ich inzwischen meine Lieblingsplätze gefunden — wie diesen. Da sitze ich nach einem Bad im warmen seichten Meer. Wenn die Sonne das Wasser getrocknet hat, bleibt auf der Haut Salz zurück. Das juckt ein bisschen. Aber dieses Jucken ist ein ganz besonderes, angenehmes. Ich möchte es nicht missen…

http://deutschlandradiokultur.pageflow.io/deutschlandradiokultur-trappeto-solingen#29907

2 Kommentare zu „Salz auf unserer Haut

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