Freundschaft

„Ein Freund, der dir den Spiegel zeigt,

den kleinsten Flecken nicht 

verschweigt,

dich freundlich warnt, dich herzlich 

schilt —

der ist dein Freund, so wenig er’s auch

scheint.

Doch wenn mich einer schmeichelnd 

preiset,

mich immer lobt, mir nichts verweiset,

zu Fehlern gar die Hände beugt

und mir vergibt, eh ich bereut –

der ist nicht mein Freund, 

so freundlich er auch scheint.”

Diese Zeilen schrieb mir einmal ein Mensch, der mir sehr wichtig war, in mein Poesiealbum. Ich war vielleicht 8, 9 Jahre alt und war mir damals noch nicht der Bedeutung dieser Worte bewusst, obwohl ich als Kind meinen Jahren voraus war. Aber ich habe sie verinnerlicht. Freundschaft bedeutet für mich nicht, dass man dem andern nach dem Mund redet. Ein wahrer Freund fürchtet nicht die Folgen aufrichtiger Worte. Wer soll denn korrigieren, wenn nicht ein Freund? Wer soll einem zurück auf den Weg helfen, wenn nicht er?

Wenn ich höre, wie viele Freunde manche Menschen zu haben behaupten, frage ich mich, wie es möglich ist, diese Beziehungen so zu pflegen, dass sie es verdienen, als Freundschaften bezeichnet zu werden. Sind nicht viele sog. Freunde austauschbar? Macht man sich nicht selbst dazu, indem man keine Verantwortung übernimmt, sich nicht verbindlich zeigt? Ist weniger auch hier nicht mehr? Ich denke schon.

Freundschaft bedeutet Verantwortung, Ehrlichkeit und Vertrauen, und zwar kompromisslos. Bevor man also jemanden als Freund oder Freundin bezeichnet, sollte man sich überlegen, ob diese Kriterien in der Beziehung mit einem anderen Menschen erfüllt werden können. Viele beklagen sich darüber, dass unsere Gesellschaft von Oberflächlichkeit und Unverbindlichkeit geprägt ist. Aber in welchem Maße sind wir selbst bereit, unsere Bequemlichkeit hintenanzustellen, wenn es darum geht, für einen Freund da zu sein? „A friend in need is a friend in deed.” So ist es. Und das bedeutet nicht, dass man sich wie die beiden auf dem Foto stets im Gleichklang bewegt…

4 Kommentare zu „Freundschaft

  1. Es scheint, das dieser Artikel mir in meiner jetzigen Situation direkt aus der Seele spricht. Viele unterschätzen was wahre Freundschaft fordert aber zugleich auch fördert. Vor allem an Aufrichtigkeit und auf der anderen Seite an Kritikfähigkeit fehlt es bei vielen. Beim Lesen musste ich sofort an die wahren Freunde in meinem Leben denken und bin sehr dankbar dafür sie zu haben.

    Seit ich dich kenne habe ich keinen Zweifel daran, das du so eine aufrichtige Freundin bist 🙂

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    1. Liebe Juliane, vielen Dank für deine Zeilen. Dich, euch in meinem Leben zu haben ist ein großes Geschenk für mich. Räumliche und emotionale Nähe müssen nicht einander bedingen. Wichtig ist es zu wissen, dass da draußen jemand ist, in dessen Herzen man einen Platz hat und der für einen da ist. Ich durfte erleben, wie aus der kleinen Juliane eine wunderbare junge Frau geworden ist. Auch dafür bin ich sehr dankbar.

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      1. Das kann ich nur bekräftigen getreu dem Motto „true friendship isn’t about being inseparable – it’s being separated and nothing changes“

        Danke für deine lieben Zeilen :-*

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  2. Liebe Juliane, auch das ist zutreffend. Und das ist das Besondere an Freundschaft. Ist sie das, was sie zu sein beansprucht, erlaubt sie auch emotionale Distanz, wenn diese notwendig ist. Denn nur mit ihr kann man manchmal auch klarer sehen. Ich danke dir :-*

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