Was ist schön?

Ich denke, diese Frage treibt Menschen um, seit es sie gibt. Und auch im Tierreich wird sich aufgeplustert oder ein Zickzack-Tanz aufgeführt, um beim anderen Geschlecht Eindruck zu machen.

Was ist schön? Die Beantwortung dieser Frage ist auch Trends unterworfen und variiert ebenso je nach kulturellem Hintergrund. So gab es Zeiten und gibt es Völker, wo stattliche Proportionen Wohlstand und Schönheit bedeuten, während diese in eine narzisstisch-hedonistisch geprägte Gesellschaft eher weniger zu passen scheinen.

Wenn mich jemand fragt, was ich schön finde, dann ist es all das, was meine Sinne erfreut. Klassisch gesehen haben wir fünf davon, während dem Sehen leider oft überproportional viel Bedeutung beigemessen wird. Gleichzeitig haben viele festgelegte Bilder davon im Kopf, welche Kriterien etwas oder jemand erfüllen muss, um vor seinem kritischen Auge zu bestehen. Wie schade. Wie schade ist es, sich im Vorfeld einer Begegnung einzuschränken und seinen Blick für die Schönheit des Betrachteten zu versperren.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters”. „Ja, ja”, denken sich viele, wenn sie diesen Satz hören. Aber so sollte es sein. Mündig zu sein bedeutet auch, selbst zu entschieden, selbst zu erspüren, was man als schön empfindet. Wie fühlt es sich an, wenn man jemandem nicht sieht, nur seine Stimme hört? Was passiert, wenn das Antlitz dieser Person sich live zur Stimme gesellt? Wie ist es, wenn mich das Äußere einer Person fasziniert, aber gar nicht zu dem Bild passen will, welches entsteht, wenn dieser Mund, so lange betrachtet, zu sprechen beginnt?

Wenn mich jemand fragt, was ich schön finde, kann ich wohl sagen, was mir wichtig ist. Aber ich habe keine Checkliste im Kopf, die ich abhake. Die würde mich dabei stören, Menschen und Dinge zu erfahren. Sie würde vom für mich Wesentlichen ablenken.

Viele machen Schönheit an Jugend, an ebenmäßiger Haut fest. Warum? Ist das denn alles? Haben wir nicht mehr zu bieten als diese eine Facette? Warum fällt es vielen so schwer, sich anzunehmen, wie sie sind? Akzeptieren wir uns selbst, tun das auch andere. Auch das ist eine Binsenweisheit, welche viel Wahrheit enthält.

Ich erinnere mich an meinen 30. Geburtstag, seit dem schon einige Sommer ins Land gegangen sind. Ich bekam meine erste, ich glaube es war auch die letzte, Antifaltencreme geschenkt. Ich betrachtete mich von der Seite im Spiegel und dachte, meine besten Jahre seien vorbei. Weit gefehlt — mir war nicht klar, was für eine Zeit vor mir liegen, wohin meine Reise zu mir selbst mich führen würde. Die kommenden Jahre waren wie bei den meisten von uns nicht nur einfach und fröhlich-beschwingt. Aber sie brachten mich selbst enorm weiter. Ich begann, in mir selbst zu ruhen, mich anzunehmen, innezuhalten und zu prüfen, ob das, was ich tue, tatsächlich meinem Lebensgefühl entspricht. Wieder und wieder definierte ich, was für mich wichtig ist und wurde immer weniger von der Erfüllung der Erwartung anderer abhängig, ohne deren Bedürfnisse dabei außer Acht zu lassen. Ich lernte zunehmend, mich abzugrenzen und anzunehmen.

Niemand ist eine Insel, aber wichtig ist es, sich nicht von außen sagen zu lassen, was schön ist, seine Sinne zu öffnen für die facettenreiche Schönheiten, denen man im Laufe seines Lebens begegnet. Und wenn man das tut, kann man gelassen vor sich hinreifen. Und dann weiß man auch, dass Schönheit so viel mehr ist, als das, was sich unserem oberflächlichen Blick bietet. Denn in der Tat lohnt es sich durchaus, zwei- oder dreimal hinzuschauen…

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