Worauf warten wir?


Dieses Bild entstand am Gare de Lyon in Paris, einer Stadt, die mich schon als Kind in ihren Bann zog. Paris, die Stadt der Liebe, in jüngster Zeit geschüttelt von Hass und Terror. Würde mir jemand die Augen verbinden und mir Duftproben mancher Orte unter die Nase halten, würde ich auch Paris sofort erkennen. Für mich riecht es u.a. nach dem heißen Gummi der Metro-Züge und menschlichen Hinterlassenschaften in U-Bahn-Schächten — nicht sehr appetitlich, aber unverkennbar.

Früher war ich oft in der Stadt der Liebe — ich wuchs in Saarbrücken auf, was bedeutete, dass ich viel Zeit in Frankreich verbrachte. Auch als ich an der Weinstraße lebte, war Frankreich quasi um die Ecke. Das änderte sich, wie vieles, schlagartig durch unseren Umzug in den Nordwesten. Da war nichts mehr mit eben nach Frankreich fahren. Dieses war auf einmal so weit weg — dieses Land und all das, was es für mich ausmachte: die Sprache, die Lebensart und la bouffe. Was aber blieb, war u.a. die Sehnsucht nach dieser Stadt.

Vor einigen Jahren sprachen wir darüber, wohin wir im Sommer verreisen wollten. Es sollte auf jeden Fall dahin sein, wo uns nicht dasselbe Wetter erwarten würde wie hier im Norden. Entspannung würde auch nicht schlecht sein. Plötzlich packte mich wieder die Sehnsucht nach der Metropole an der Seine. Ich meinte, wir könnten irgendwann mal wieder nach Paris fahren. „Warum irgendwann?” war die Frage, welche Martinus und ich uns im Laufe der Überlegungen schließlich stellten — er ist zum Glück wie ich ein Mensch der Tat. Eine halbe Stunde später waren Flüge und Unterkunft gebucht, ein wunderbarer Reiseführer bestellt, den ich jedem empfehle, der Paris abseits vom Mainstream-Tourismus erfahren möchte. Obwohl ich schon unzählige Male in diese Stadt gewesen war, entdeckte ich sie durch die wertvollen Tipps in diesem Taschenbuch quasi neu:

Paris-Spaziergänge von Hella Broerken

… Und da stand ich wenige Monate später unter dieser überdimensionalen Uhr am Gare de Lyon, welche für mich da oben wie zur Mahnung hing: „Deine Zeit ist nicht unendlich. Willst du etwas unbedingt, mach es, wenn du kannst. Kannst du’s nicht, versuche eine Situation herzustellen, die es dir zu tun erlaubt. Du hast nur dieses eine Leben. Wartezeit ist verlorene Zeit, wenn man diese nicht nutzt, um seinem Ziel näherzukommen…” Diese Gedanken und noch mehr tummelten sich in meinem Kopf. Ich weiß nicht, wie und ob diese Uhr überhaupt wahrgenommen wird. Mich brachte sie zum Innehalten.

Ich erlebe oft, dass Menschen sich von Wochenende zu Wochenende, Event zu Event hangeln. Aber was ist mit all der Zeit dazwischen? Ist sie denn wertlos? Können wir ihr nicht Mehrwert verschaffen, indem wir auch die Dinge anzunehmen lernen, welche Pflichten sind? Sollten wir nicht das Wort „muss” in seinem Gebrauch einschränken? Was muss wirklich sein? Für vieles trifft das nämlich gar nicht zu. Wir denken das oft  nur und leben am Leben vorbei, während wir die Dinge, die so wichtig für uns wären, aufschieben, weil sie uns weniger bedeutungsvoll erscheinen — um dann reuig vergangene Gelegenheiten zu beweinen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange mich diese Uhr beschäftigte. Allzu lange könnte es nicht sein. Schließlich konnte ich es kaum erwarten, in das pulsierende Leben dieser Stadt einzutauchen…

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