Die Welt von oben


Wenn ich mich mal auf ein Volksfest verirre, wie hier den Hamburger Dom, fahre ich Musikexpress und Riesenrad. Ersteren aus Nostalgie — meine liebe Frau Butt, die mich zu meiner Kindheit sonntags zu hüten pflegte, fuhr mit mir trotz ihres fortgeschrittenen Alters von über 70 Jahren darin. Als Teenie knutschte ich dann wie viele im hinteren Bereich oder sah anderen beim Fahren zu. Zu meiner Kindheit und Jugend gab es noch nicht so viele Highlights für junge und ganz junge Menschen. Da war so eine Kirmes, wie sie bei uns hieß, schon was Besonderes.

Das Riesenrad mag ich, weil man so schön von oben die Welt betrachten kann. Alles ist so klein, wenn man den höchsten Punkt erreicht hat. Manchmal ist es auch im Leben wichtig, sich und andere von der Seite und von oben zu betrachten, um klar zu sehen. Und während man dieses tut, erscheint vorher so Großes oder gar Bedrohliches kleiner und verliert somit an Bedeutung. Das schafft Raum für Entscheidungen.

Für manche bedeutet die Riesenradfahrt aber einfach das, was sie ist: pures Vergnügen. Ich weiß nicht, wer von euch noch die legendäre Domenica kennt, die inzwischen verstorbene bekannteste deutsche Prostituierte, welche sich, nachdem sie diesen Beruf an den Nagel gehängt hatte, für Arbeiterinnen der Liebe einsetzte. Domenica hatte außerdem eine Bar am Fischmarkt. Dorthin verschlug es uns nach dessen Besuch. Wie viele erlebte Hamburger Geschichten war auch diese unvergesslich.

Wir betraten also die Lokalität, wo auf dem Flur zur Toilette ein Obdachloser seinen Rausch ausschlief. Der noch recht junge Wirt war wohl selbst einer seiner besten Kunden. An der Theke saß ein Paar in ungefähr unserem Alter. Rechts von dem Herrn war ein Hocker frei, auf dem ich mit meinem feinen Wintermäntelchen und Kaschmirschälchen Platz nahm. Der Besuch war ja nicht eingeplant… Rechts von der Dame war noch ein Plätzchen für Martinus frei. Wir vier waren sogleich munter am Plaudern. Während Martinus sich mit seiner Gesprächspartnerin über kulinarische Genüsse unterhielt und mit dieser Kochrezepte austauschte, nahm das Gespräch zwischen ihrem Begleiter und mir eine ganz andere Richtung. Der Junge plauderte nämlich stilecht aus dem Nähkästchen. Währenddessen kam er auf das Riesenrad am Hamburger Dom zu sprechen und wie schön doch eine Fahrt darauf sei. Am schönsten sei es, wenn es zu stehen komme und man selbst ganz oben sei. Wenn man zu zweit sei, also z.B. Mann mit Frau, könne man sich die Zeit, bis es sich wieder in Bewegung setze, sehr angenehm vertreiben. Kleiner Tipp: Die Welt von oben zu betrachten meinte er nicht damit. Details erspare ich euch. Die würden euch nur erröten lassen…

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