Die Pfalz im Herbst

Meine Lieblings-Jahreszeit ist eindeutig der Sommer. Sommer bedeutet für mich Freiheit: Offene Türen, blanke Füße, warmer Wind in meinem Haar und wärmende Sonne auf meiner Haut, Licht — vor allem und ganz viel davon.

Aufgewachsen im Saarland, erinnere ich mich an wunderbare lange Sommer, welche u.a. zum Eis essen und ins Schwimmbad einluden. Für das Frühlingserwachen fehlte mir als Kind in einer kleinen Stadtwohnung ohne Garten und Balkon der Blick, und das Highlight des Herbstes bestand für mich hauptsächlich aus dem Sammeln von Rosskastanien, aus denen wir Männchen oder Ketten bastelten. An einem Herbstmorgen, ich war noch in der Grundschule, hatte ich mit ein paar Klassenkameraden auf dem Weg dorthin einen Berg davon in Papiertüten gesammelt, welche aber wegen des Regens, der eingesetzt hatte, aufweichten. Wir mussten die Dinger also loswerden, weshalb wir sie aus dem Fenster kippten — auf den Schulhof, aus dem obersten Stock, wo unser Klassenzimmer war. Leider ging in diesem Moment der Direktor mit seinem blanken Kopf unterm Fenster entlang. Hui, war das ein Donnerwetter. Der identifiziere Kastanien-Auskipper bekam eine Ohrfeige und damit war auch dieser Herbstspaß vorbei.

Danach gab es lange keine Herbst-Highlights mehr — bis ich in die Pfalz kam, an die Weinstraße. Da ist der Herbst so schön, dass ich ihn neben den Menschen, welche mir ans Herz gewachsen sind, am meisten vermisse. Ich habe nie woanders eine schönere dritte Jahreszeit erlebt als dort.
Herbst in der Pfalz, das sind goldene Weinberge mit Rebzweigen, die unter dem Gewicht der Trauben nachgeben und während der Ernte von einem säuerlich-süßen Geruch umgeben sind, welcher die Region in dieser Jahreszeit prägt. Herbst, das ist dichter Wald mit Boden, der von Blättern bedeckt ist — wadenhoch. Wenn man das Bein ruckartig nach oben wirft, wird herbstbuntes Laub nach oben gewirbelt und verströmt einen angenehmen, waldig-modrigen Duft.
Ich liebte es, nach Wanderungen, auf denen allerlei Essbares gesammelt wurde, in einer Straußwirtschaft einzukehren oder draußen zu sitzen, zu blicken, soweit das Auge reichte. Wie schön war es, mit einem Vesperkorb in einem herbstlich geschmückten Winzerhof auf Biergarnituren zu sitzen und zu warten, bis die frisch geernteten Trauben angeliefert wurden, während man Federweißen oder Wein von letztes Jahr trank sowie sein mitgebrachtes Essen miteinander teilte und verspeiste.
All das vermisse ich selbst noch nach fast 20 Jahren im Norden, wo der Herbst lang und meistens grau ist. Manchmal zeigt er sich jedoch freundlich wie auf diesem Bild. Dann zieht es mich nach draußen wie jetzt. Und wenn ich dann die Augen schließe, ist es fast so, als wäre ich zurück auf dem Fleckchen Erde, welches mir die schönsten Herbste meines Lebens geschenkt hat…

2 Kommentare zu „Die Pfalz im Herbst

  1. Beim Lesen deiner detaillierten Schilderungen über die Spaziergänge im Wald, das hohe Laub das wir als Kinder genauso mit dem Fuß in die Luft wirbelten sowie das Bild der Weinberge versetzten mich direkt in meine Kindheit zurück. Vor meinem inneren Auge sah ich mich wie jeden Herbst mit meiner Familie und Freunden im Pfälzer Wald Keschde (Kastanien) sammeln, die danach lecker zubereitet und verspeist wurden.

    Danke für die kurze Zeitreise. Komm doch nochmal im Herbst bei uns vorbei 🙂

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