Von Händen und Eisbergen


„An den Händen einer Frau sieht man das Alter”, sagte meine Schwiegermutter einst, ich kannte sie damals noch nicht, um ihrem Sohn eine Frau auszureden, in die er sich verkuckt hatte. Ja, Hände sind in der Tat Spurenträger des Lebens ihrer Besitzer. Diese Hände gehören einer alten Dame, welche während meines Maltaaufenthaltes in demselben Bus fuhr wie ich — zwei Frauen, zwei Leben, zwei Geschichten. Ja, die Hände mögen ihre Trägerin, welche mittlerweile einen Gehstock braucht, um Pausen einzulegen, sich fortzubewegen, über viele Jahre begleitet haben. Die Haut ist nicht mehr so straff wie einst, die Knochen haben sich verformt. Diese Hände sahen, wie Völker  dieser Welt einander bekriegten und vieles mehr. Was auch immer sie aber erlebt haben mögen — es tat ihrer Schönheit und Eleganz keinen Abbruch. Vielleicht hat der Glaube die Besitzerin gestärkt — auf einem der beiden Armbänder befinden sich religiöse Symbole. Tatsächlich habe ich gefühlt noch nie so eine Dichte an Gotteshäusern erlebt wie in Malta, wo 98% der Bevölkerung römisch-katholisch ist. Zur Zeit werden Glaubensfragen mehr diskutiert denn je. Aber das ist ein anderes Thema.

Diese Hände wirken trotz oder auch wegen ihres Alters schön. Für mich ist auch schön, was zum Entdecken einlädt. Sie sind gepflegt, sie sind geschmückt und ihre Haltung zeugt von Eleganz. Was auch immer die Dame, zu der die beiden Hände gehören, erlebt haben mag — sie hat sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters nicht aufgegeben. Sie achtet sich selbst, achtet auf sich. Letztendlich ist dieses unerlässlich, wollen wir uns nicht verlieren. Viele lassen sich gehen, wenn sie in ihrer vermeintlichen Komfortzone angekommen sind, manche tragen per se eine latente Gleichgültigkeit in sich. Andere wiederum denken, Schönheit sei alles, was ebenmäßig und glatt ist und investieren viel Energie und auch Geld in das Ausmerzen nach außen sichtbarer Reifungsprozesse. Dabei radieren sie auch ein Teil ihres Erlebten aus — wenn es wirklich gelebte Zeit war und nicht nur Jahre, die das Leben aufgebraucht hat. Sich anzunehmen, sich nicht daran zu stoßen, dass vergangene Jahre auch Spuren hinterlassen, hat für mich auch etwas mit Dankbarkeit und Wertschätzung seiner Selbst zu tun. Wir sind viel mehr als das, was man von uns sieht. Letztendlich sind wir wie Eisberge, von denen nur ein Bruchteil an der Oberfläche ist. Wer das Leben und sich selbst annimmt, will von anderen entdeckt werden.

Mich haben diese Hände fasziniert. Ich hätte gerne erfahren, wer und was sie geformt hat…

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