Von leeren Nestern und neuen Wegen


Über Pflichten habe ich nie wirklich nachgedacht — über deren Sinn und Unsinn schon eher, immer wieder. Wenn ich aber eine Pflicht erst einmal als solche angenommen habe, erledige ich diese ohne zu hadern, versuche, die auch weniger angenehmen Aufgaben, die mit ihr verbunden sind, zu erledigen, ohne nach dem Warum zu fragen. Manchmal gewinne ich sie dabei lieb, sodass sie gar nicht mehr als Last erscheinen…

Ich sagte mal:„Kein Brot ist so hart verdient wie das einer Mutter, aber keines schmeckt so süß.” Habt ihr mal auf einem Stück Brot rumgekaut, so richtig lange? Und konntet ihr währenddessen feststellen, dass es immer süßer wurde? Das kommt von der Stärke darin, die durch den Speichel aufgespalten wird. Dabei wird Zucker frei.

Stärke — die braucht man auch als Mutter — für sich selbst und für die „Brutpflege”. Manchmal geht man recht blauäugig vor, geht es um Kinderwunsch und dessen Umsetzung. Ich muss ehrlich sagen, dass ich froh war, nicht zu wissen, was mich da erwarten würde. So geht es mir mit anderen Dingen allerdings auch. Aber es soll ja auch ein bisschen spannend bleiben… Ich war mir zu jeder Zeit meiner Verantwortung bewusst und trotzdem war, ist die Zeit mit unseren Jungs ein großes Abenteuer. Wie auf einem Dauer-Survival-Trip habe ich mir mächtig Schrammen und blaue Flecken eingefangen, fand aber auch immer wieder Stellen, an denen ich innehalten und mich laben, freudig zurückblicken konnte auf den Weg, den wir mir den Jungs schon zurückgelegt hatten — den Weg, den sie später weiterbestimmen würden, mit ihren Eltern als — mehr oder weniger — stille Gefährten. Wo anfangs gemahnt wurde, ist nun eher Rat gefragt oder einfach nur Zuhören. Ich genieße es, mit den Jungs, welche einst in meinem Bauch wuchsen, dann an meiner Seite aufgewachsen sind, auf Augenhöhe zu sein. Um das aber so zu erleben, ist eines wichtig: Loslassen.

Loszulassen fällt nicht leicht, aber dennoch können wir uns vor dieser Erfahrung nicht schützen. Manchmal wird man losgelassen und kann nicht zurück. Manchmal muss man dieses von sich aus tun — für andere oder sich selbst. Wenn ein Kind laufen lernt, hält man es am Anfang noch fest: Man greift von hinten unter beide Ärmchen, man fasst es von vorne an beiden Händchen, bis man eine loslässt. Es lernt, an Gegenständen entlangzulaufen. Dann reicht eine Hand der Eltern als Hilfestellung, bis es schließlich alleine losmarschiert und am Ende losrennt, um seine Welt zu entdecken. Ähnlich verhält es sich, sollte es zumindest, mit dem Lebensweg der Kinder. Man muss sie loslassen, damit sie selbst erfahren. Man bleibt dabei selbst in sicherem Abstand, um möglicherweise schützend einzugreifen. Das soll aber nicht bedeuten, alles von ihnen fernzuhalten. Denn das stört sie in ihrer Entwicklung.

Aufzugehen in der Mutterrolle, ohne sich dabei aufzugeben — ein Balanceakt, welcher auch dem Umstand geschuldet ist, dass diese viel Zeit und Raum beansprucht. Ich habe viele Mütter „muttieren” und sich selbst verlieren sehen — Mütter, welche sich gänzlich über ihre Kinder und diese eine Rolle definiert haben. Es sind Frauen, welchen der Boden unter den Füßen wegzubrechen scheint, wenn der Nachwuchs flügge wird. Manche unter ihnen versuchen, diesen Zeitpunkt möglichst hinauszuzögern, indem sie das „Hotel Mama” mit Serviceleistungen wie Fahrdiensten 24/7 offen halten. Aber warum? Warum legt man sich auf diese eine Rolle fest und bürdet damit seinen Kindern und auch dem Partner eine enorme Last auf?

Ich kann für mich sagen, dass ich gerade die Zeit, wo unsere Jungs auch meiner physischen Präsenz noch stark bedurften, sehr genossen habe. Ich habe die Momente förmlich aufgesaugt, habe all die Bilder im Kopf oder wie unten auf Fotopapier. Ich habe aber immer gewusst, dass dieses nur eine Phase von vielen in meiner Beziehung mit Ihnen sein würde. Und so sind wir von einer zur anderen marschiert, mal mit mehr, mal mit weniger Nähe. Ich versuchte dabei, sie zu ermutigen, eigene Entscheidungen zu treffen und auch mit deren Folgen zu leben.

Beide verließen das Nest nach dem Abitur. Aber das Nest ist nicht leer — im Gegenteil. Sie sind noch immer hier, wenn auch weniger physisch. Was jetzt aber auch da ist, ist Zeit für mich. Auch wenn ich mir diese im Rahmen meiner Möglichkeiten immer genommen habe, war diese doch beschränkt. Ich habe in meinem Kopf eine Bucket List, die sich wie von selbst füllt und die ergänzt wird durch Dinge, welche vorher einfach nicht möglich waren. Das Leben ist so spannend —  viel zu spannend, um ein vermeintlich leeres Nest zu beweinen.

Als Übersetzerin und Dozentin habe ich einen Beruf, der mich mit vielen Menschen zusammenbringt. Dank des Internets können mittlerweile viele zumindest teilweise ortsunabhängig arbeiten und neue Wege gehen. Auch das ist ein Feld, welches ich bestellen möchte. Mehr dazu aber an anderer Stelle.

Ihr macht das, Jungs und ich bin dankbar und voller Freude, euch auf eurem weiteren Weg begleiten zu dürfen. Und wenn ihr ab und zu in euer Nest zurückfliegt, genieße ich das sehr…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s