Mut

„Dem Mutigen gehört die Welt.” Wer kennt diesen Spruch nicht, der einem wie viele andere das Leben erklären will? Wie diese wurde er irgendwann mal in einem Kontext geäußert, wo er genau passte. Aber was ist Mut überhaupt? Besteht er darin, sich kopflos in waghalsige Unterfangen zu stürzen? Mitnichten. So etwas wird uns eher in dieser Welt scheitern lassen, als uns zu deren Eroberern zu machen. Außerdem: Muss es denn gleich die ganze Welt sein? War sie überhaupt gemeint, als irgendwann und irgendwo einem Menschen diese Worte in den Kopf kamen? Oder ging es einfach nur um das Überwinden von Grenzen — darum, dass einem die Welt offensteht, wenn man nur den Mut hat, festgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu entdecken und diese auch zu gehen?

Wir Deutschen haben die Angst vor Neuem so verinnerlicht, dass sich auch deshalb der Begriff der German Angst im englischen Sprachgebrauch fest etabliert hat. Sind wir wirklich solche Angsthasen? Hat das kollektive Gedächtnis womöglich einen Anteil daran? Nun, für unsere Risikofreude sind wir nicht gerade bekannt, für das Verinnerlichen von Bedenken schon eher. Tatsächlich findet das Nähren von Ängsten schon in früher Kindheit statt. Wo aber geht der Respekt vor Gefahr in unreflektierte Angst über? Woher kommt das Bedürfnis, sich vor allem schützen zu wollen und sich und andere dadurch zu blockieren?

Schon als Kind lernen wir, was alles nicht sein kann und sein darf. Ein Schilderwald aus Verbots- und Warnzeichen, gestützt durch ausgeklügelte Sicherheitsmaßnahmen, bremst schon die Kleinsten aus. Warum aber hindern wir unsere Kinder daran, ihre Welt zu entdecken? Glauben wir, sie seien dadurch leichter zu lenken? Projizieren wir eigene Ängste auf diese oder tragen wir in uns ein Zerrbild von Liebe, dessen Ausleben ihnen die Luft zum Atmen nimmt und sie entmutigt?

Ich habe gestern eine junge Frau getroffen, die ich seit ihrer Kindheit kenne und nun selbst Mutter ist. Sie meinte, sie überlege, nochmal zu studieren, aber sei vielleicht zu alt. Sie suche aber eine neue Herausforderung, sei beruflich noch nicht da angekommen, wo sich alles richtig anfühle. Sie hat in sich hineingehört und gespürt, dass da noch was fehlt — so viel, dass sie nicht verwirft, sondern den Gedanken Raum gibt. Ich sagte, solange man atme und der Geist wach sei, sei man für nichts zu alt — solange man da sei, befinde man sich in einem dynamischen Prozess.

Manchmal hat man Angst vor seiner eigenen Courage. Die braucht man aber nicht zu haben, wenn man nicht einfach springt, selbst ins Bodenlose stürzt und ein Trümmerfeld hinterlässt. Der Mut, in sich hineinzuhören, authentisch zu leben, lässt uns jedoch wachsen, während Stagnation Stillstand ist — auch keine neue Erkenntnis. Um nicht mutig zu sein, ist das Leben jedoch viel zu facettenreich…

Am Ende eines Lebens befragt, sagt manch einer, er bereue mehr, etwas nicht getan zu haben als das, was er getan habe. Wollen wir das auch irgendwann sagen?

Meine Gedanken dazu habe ich in folgende Worte gefasst:

Mut

Du hast eine Idee.

Sie bleibt.

Du denkst darauf rum —

denkst viel —

zu viel.

Hast Angst — verwirfst

und wirst nie wissen,

wie es gewesen wäre,

hätte deine Idee

Gestalt angenommen.

Oder du denkst weiter,

aber nicht nur —

machst den ersten Schritt,

der deiner Idee

Gestalt gibt.

Du gehst, hältst inne,

fühlst, wie es ist.

Deine Schritte werden fester,

werden stärker,

bringen dich weiter,

bis du spürst:

Ja, das ist es.

So fühlt es sich an,

das Richtige.

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