You’ll Never Walk Alone


Der Mensch ist ein Herdentier — diese Aussage trifft nur bedingt zu, da es Zeitgenossen gibt, die es sogar schaffen, in einem Land, welches so dicht besiedelt ist wie das unsrige, quasi ein Eremitendasein zu führen. Manchmal geschieht das unfreiwillig, manchmal ist es das Resultat einer frei gewählten Entscheidung. Diese ist zu respektieren und dennoch kann die Umgebung damit hadern, vor allem wenn der Betroffene zum engen Umfeld gehört und trotz allem Bemühen nicht zu erreichen, nicht greifbar ist.

Was mich angeht, so brauche ich die Nähe von Menschen wie Wasser und Brot. Das bedeutet nicht, dass ich immer jemanden um mich herum brauche. Ich genieße sehr wohl Momente, in denen ich ganz für mich bin und Raum für meine Gedanken und Dinge habe, die mir auch wichtig sind. Nähe kann man außerdem auch über die Distanz erleben, wissend, dass da jemand ist, dem man etwas bedeutet und dem man selbst sich verbunden fühlt. Leider ist es nicht möglich, wann immer einen die Sehnsucht drängt, einen geliebten Menschen zu sehen, dieses auch zu tun. Und so bin ich glücklich darüber, dass meine Long-Distance-Freundschaften seit mittlerweile fast zwanzig Jahren nach unserem Umzug vom Süden in den Hohen Norden trotz der großen räumlichen Distanz noch immer bestehen. Für mich sind Freundschaften Wahlverwandtschaften, tragen meine Freunde doch auch dazu bei, dass meine Seele ein Zuhause hat.

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.” Nun, so weit wie der kleine Prinz würde ich nicht gehen. Dafür kommt es zu häufig vor, dass Bindungen zu Menschen sich lösen, weil man keine gemeinsamen Wege mehr hat. Möglicherweise findet man neue Gefährten, die einen ein Stück oder sogar bis zum Ende begleiten. Es ist ähnlich wie bei einem Karussell: da gibt es welche, die drehen ledigliche eine Runde, andere kaufen gleich ein paar Fahrchips auf einmal und dann sind da wiederum diejenigen, welche gar nicht mehr absteigen und wenn, dann nur um eine kleine Pause einzulegen.

Bindung bedeutet auch Verantwortung, ja — so wie draußen nicht immer die Sonne scheint, gibt es aber auch in der Beziehung mit Menschen trübe Momente. Sie in diesen alleine zu lassen, ist nicht fair. Man selbst möchte dieses auch nicht erleben, wenn man eine schwierige Lebensphase zu durchschreiten hat. Manchmal kommt es ungelegen, sich verantwortlich zu zeigen, weil man selbst gerade in einem anderen Modus ist. Das führt dazu, dass viele Menschen Pseudo-Bindungen eingehen, aus denen sie sich lösen, sobald es anstrengend wird. Aber was macht das mit einem selbst? Ist man am Ende alleine, obwohl man das gar nicht beabsichtigt hat? Ist das der Preis?

Manchmal bekommt man ein ganzes Paket mit, wenn man eine Bindung mit einem anderen Menschen eingeht, z.B. die Verwandtschaft des Partners. U.U. gehören Menschen dazu, die man sich nicht selbst als Weggefährten ausgesucht hätte, vor allem wenn sich das Verhältnis mit ihnen als schwierig gestaltet.

Im Bild rechts sieht man meine Schwiegermutter, links davon eine inzwischen verstorbene Mitbewohnerin der Pflegeeinrichtung, wo die beiden aufgrund ihrer Demenz ihren letzten Lebensabschnitt verbringen bzw. verbrachten. In der Mitte bin ich selbst. Während meine Schwiegermutter noch im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte war, machte sie mir das Leben alles andere als leicht. Ihre Eifersucht bohrte sich wie ein Giftstachel in unsere Beziehung, die eigentlich keine war. Niemals hätte ich gedacht, dass diese sich eines Tages so drehen würde, dass wir einander zugewandt sein würden. Sie hat schlichtweg vergessen, dass sie mich nicht mögen will, sodass wir seitdem eine für mich wertvolle Zeit miteinander teilen — eine Zeit, in der ich einmal mehr gemerkt habe, dass ich in der Lage bin zu verzeihen — eine Zeit, die mir einmal mehr gezeigt hat, dass Verantwortung keine Belastung sein muss. Für jemanden da zu sein, die Freude eines Menschen zu erleben, für den man sich Zeit nimmt, kann für einen selbst ein großes Geschenk sein, denn dadurch erfährt man auch viel über sich selbst und kann daran wachsen und erstarken.

Bei all den Hürden, welche das Leben vor mir aufgebaut hat, war ich immer froh und dankbar, nicht alleine gehen zu müssen. Ich war glücklich, eine Hand zu sehen, die sich mir entgegenstreckte, um mir das Gehen zu erleichtern. Ich gebe das gerne zurück und hoffe für mich, dass ich niemals alleine durchs Leben marschieren muss — egal in welcher Phase…

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