Wackelbilder oder der Charme des Unperfekten

Meine Freundin Andreina ist die Königin der Wackelbilder. Ich liebe sie mittlerweile so sehr, die Bilder und Andreina natürlich auch, dass ich ihr untersage, „richtige” Fotos zu machen. Dieses entstand wie das auf meiner Startseite in Rom. Während ich auf dem anderen glücklich vor dem Trevi-Brunnen stehe, hoffend, dass sich mein Wunsch erfüllt, marschiere ich hier an einer Ampel vorbei — der einzigen, der ich bisher auf Augenhöhe begegnet bin — quasi auf Chrisi-Niveau. Als ich sie erreichte, gebot mir das Rot Einhalt. Ich wartete also brav, bis der grüne Fleck leuchtete und marschierte weiter. Bis heute weiß ich nicht, welche Bewandtnis dieses Ämpelchen hat, aber wir hatten auf jeden Fall einen Mordspaß, wir drei.

Digitalkameras und Bildbearbeitungsprogramme ermöglichen uns heute, das — für uns— perfekte Bild zu kreieren. Dank weiterer Errungenschaften können wir uns die Illusion vom perfekten Leben schaffen. Aber was ist perfekt? Ist es das, was wir auch in der Instagram-Welt nach außen leben? Oder ist es das Authentische — das, was sich nach Selbstreflektion richtig anfühlt? Schnippeln wir nicht vieles kaputt, bis unser Bild vom Leben perfekt ist? Ich fürchte, ja. Perfektionismus führt dazu, dass wir uns selbst im Weg stehen, andere blockieren, z.B. unsere Kinder. Warum haben wir so oft Probleme mit „Wildwuchs”? Warum müssen wir immerzu korrigieren und wegzupfen? Warum warten wir nicht einfach ab, was passiert? Warum haben wir nicht den Mut, vermeintliche Schwächen zu zeigen, Mut wir selbst zu sein? Warum folgen wir Diktaten von Menschen, die wir nicht einmal kennen?

Obwohl ich eine Schwäche für Ästhetik habe, reizt mich auch der Charme des Unperfekten — wobei ich nicht denke, dass das per se ein Widerspruch ist. Im Gegenteil — zurück zu den Wackelbildern: Sie sind nicht starr, sondern haben etwas Lebendiges, Dynamisches.  Wenn man sie betrachtet, verweilt man länger und erinnert sich intensiver an den Augenblick, in dem sie entstanden. Jedenfalls geht es mir so. Damit fangen sie für mich perfekt den Moment ein und verdienen es zu bleiben. Denn ein Foto ist so viel mehr als eine Häufung von perfekt angeordneten Pixelpunkten. Aber das  ist wiederum eine Frage der Perspektive. Und damit offenbart sich die Schwäche des Perfektionismus‘: was für den einen makellos ist, muss es für den anderen noch lange nicht sein…

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