Lass dich treiben


In einer Gesellschaft wie der unsrigen braucht scheinbar nichts mehr dem Zufall überlassen zu bleiben: schon bevor Leben entsteht, wird der ideale Zeitpunkt dafür bestimmt, das scheinbar Unmögliche möglich gemacht. Danach geht es weiter. Mit der Messlatte wird kontrolliert, ob das neue Leben z.T. willkürlich festgelegte Standards erfüllt und korrigiert, wo dieses nicht der Fall ist. Schemata bestimmen, innerhalb welcher Grenzen man sich zu bewegen hat. Individualität ist eher nicht gewünscht in einer Welt, wo man mehr Zeit für tote Dinge aufbringt als für Menschen. Denn Individualität ist anstrengend. Wer alles unter Kontrolle hat, lebt leichter. Ist das wirklich so? Können wir wirklich alles kontrollieren? Sind wir die Architekten unseres Lebens oder ist der Glaube daran eher eine Illusion? Erleben wir nicht jeden Tag, wie unsere Pläne von außen, manchmal sogar von uns selbst torpediert werden, weil wir selbst zum Ausnahmezustand geworden sind? Werden die Einschläge nicht immer näher, je älter wir werden und je mehr wir vernetzt sind? Zeigen uns diese nicht, wie wenig wir tatsächlich steuern können und wie verletzlich und endlich das eigene Leben ist?

Woher kommt aber dieses Bedürfnis, alles kontrollieren zu wollen? Ist es die Angst davor, dass dem eigenen Denken und Wirken Grenzen gesetzt sind? Aber wenn es diese gibt — was spricht dagegen, sich auch mal treiben zu lassen, wenn Raum dafür ist — abzuwarten, was passiert, zu spüren, wie es sich anfühlt? Ist dieses nicht auch und vor allem das, was Leben ausmacht? Ist das nicht Freiheit? Schaffen wir dadurch nicht Platz für uns — dafür, wir selbst zu sein? Müssen wir uns zusätzlich zu den schon vorhandenen Gesetzen des Lebens und Miteinanders wirklich weitere aufbürden? Warum vertrauen wir uns selbst und einander so wenig, dass wir uns nicht auf uns selbst oder aufeinander einlassen können oder wollen?

Persönliche Freiheit sowie Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein schließen einander nicht aus. Aber da ist nach rechts und links, oben und unten noch Raum, den wir uns nicht verbarrikadieren sollten. Den sollten wir uns offenhalten, finde ich. Denn um sich selbst zu spüren, authentisch zu leben, ist es wichtig, dass man sich auch mal treiben lässt…

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