Wir sind hier und jetzt oder: Man weiß nie, was der Morgen bringt


Dieses Foto entstand bei Rinascente in Palermo. Wer bei leckeren Getränken und herrlich bequem den Blick über die Dächer der Stadt genießen möchte, kommt an diesem Edelkaufhaus nicht vorbei. Gegenüber lädt die Vucciria mit ihrem Markttreiben und Streetfood dazu ein, in die Betriebsamkeit des sizilianischen Alltags einzutauchen.

Nach einem schweren Jahr machte Martinus den Vorschlag, dieses irgendwo entspannt ausklingen zu lassen.  Ja, warum nicht? Ich würde das übliche Silvesterritual nicht vermissen. Das neue Jahr würde sowieso kommen — egal, ob ich es fein angezogen und in einer Gruppe begrüßen oder in dasselbe hineinschlummern würde. Es würde auch nicht genügend Schnee fallen, um eine Schneebar zu bauen wie einige Jahre zuvor. Das gefiel mir damals übrigens sehr: erstens verschlief ich den Jahresbeginn doch nicht auf dem Sofa, zweitens lockte ich damit Kinder und Nachbarn aus dem Haus, was mir eine der schönsten Silvesternächte ever bescherte.

2013 fiel die Wahl also auf Palermo, ebenso wie die darauffolgenden Jahre. Da stehe ich also vor diesem Päckchenturm mit der 2015 drauf — alles so fein verpackt, wobei in diesen Boxen wahrscheinlich Leere herrscht. Nun, es gibt auch Zeiten oder gar Jahre der Leere. Das bedeutet aber nicht, dass da nichts passiert — im Gegenteil: Leere kann sehr viel Raum beanspruchen.

Menschen machen gerne Pläne — hierzulande besonders, glaube ich. Wir verschaffen uns vermeintliche Sicherheit durch Langszeitprojekte, in die wir viel Zeit, Kraft und Geld investieren. Kaum ist eines abgeschlossen, folgt das nächste. Viele dieser Unternehmungen sind toten Dingen aus Stein oder Metall gewidmet. Das bedeutet nun nicht, dass man ein Leben der Entsagungen führen und nur in den Tag hineinleben sollte. Es ist der Mix, der es auch hier macht.

Langzeitpläne entstehen oft nicht nur aus dem Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, sondern sie lenken auch ab — von anderen Dingen, die Raum bräuchten, von uns selbst. Das Gefährliche daran ist, dass z.B. der Bau eines Zweit- oder noch größeren Hauses meist auf Anerkennung stößt. Aber mit jedem Stein, den man auf einen anderen setzt, mauert man sich womöglich zu oder schafft eine Wand zwischen sich selbst und anderen. Damit werden im Extremfall die Lebenden ausgesperrt.

Für mich ist ein gewisses Maß an Stabilität sehr wichtig. Bedingt kann ich diese durch Rituale und gewisse Maßnahmen schaffen wie z.B. finanzielle Altersvorsorge. Selbst diese wird jedoch immer schwieriger, wie man es seit Jahren verfolgen kann. Überhaupt wird es immer schwieriger, verbindliche Aussagen zur Gestaltung der individuellen Zukunft zu machen. Vieles Bewährte ist mittlerweile von Unsicherheiten geprägt. Was macht das aber mit uns, was sollte es mit uns machen? Warum schaffen wir es nicht, mehr Energie für das Hier und Jetzt aufzuwenden als in Rück- und Vorschau?

Wir sollten lernen loszulassen: Ballast der Vergangenheit, der Ängste der Gegenwart befeuert. Wir sollten uns verabschieden von der Illusion, Architekten unseres Lebens zu sein, dieses kontrollieren zu können. Dieses bedeutet allerdings nicht, dass wir ohnmächtig sind — im Gegenteil: Viele sind sich nicht dessen bewusst, dass während sie leben, wirklich leben, en passant ihre Zukunft mitgestalten.

Ich selbst habe Schicksalsschläge und Situationen erlebt, welche mein fragiles Lebens-Kartenhaus durcheinander gewirbelt haben. Nichts schien mehr dort zu sein, wo es hingehörte. Ich habe Menschen sterben sehen, von denen man sagte, sie hätten noch ihr ganzes Leben vor sich. Ich habe gesehen, dass das Leben vor Kraft Strotzende in die Knie gezwungen hat. Ich habe Himmel voller Geigen gesehen, welche in der Hölle endeten. All diese Dinge kamen z.T. überraschend, keines davon war geplant.

Wenn ich morgens aufstehe, widme ich einen Moment dem Gedanken daran, was der Morgen, der Tag wohl bringen mögen. Die Antwort ist immer dieselbe: Ich weiß es nicht. So lasse ich mich auf jeden Tag ein — manchmal mit mehr, manchmal mit weniger freudiger Anspannung — je nach Phase und Herausforderung. Dieses Sich-Einlassen bedeutet auch, dass man delegiert, Verantwortung abgibt. Das zu lernen finde ich wichtig. Man wird dadurch leichter, weil man auch lernt, Dinge anzunehmen, die man ohnehin nicht ändern kann. Und wenn man los- und sich einlässt, schafft das Raum, bewusster im Hier und Jetzt zu leben. Denn genau da sind wir — nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft…

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