Woran wir wachsen


Das Foto zeigt einen alten Baum mit neuem Trieb. Trotz seines Alters, trotz seiner Größe ist er des Wachsens nicht müde geworden — ein Phänomen, welches man auch an vielen Menschen beobachten kann.

Höher, schneller, weiter — dieses Motto haben nicht nur Olympioniken verinnerlicht. Der Mensch scheint dafür prädestiniert, sich nicht damit zufrieden zu geben, was er hat. Und letztendlich hat dieses uns dahin gebracht, wo wir jetzt stehen und wird uns weiter vorantreiben. Bedingungsloses Wachstum hat aber auch Nachteile und trägt dazu bei, Ungerechtigkeiten zu zementieren.

Wie sieht es aber für den Einzelnen aus? Sind für ihn die Parameter per Geburt gesetzt oder ist auch sein Wachstum unbegrenzt? Nun, wie sich ein Mensch entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. Da sind zunächst einmal die genetische Disposition sowie das Elternhaus, welche vor allem am Anfang des Lebens Weichen stellen. Im Laufe der Jahre kommen Ereignisse hinzu, welche uns prägen. Manche von ihnen führen uns an unsere Grenzen — so sehr, dass wir nicht mehr den letzten Schritt schaffen, um diese zu überwinden — so sehr, dass manch einer an ihnen zerbricht. Ob dieses eintritt, ist letztendlich auch von der individuellen Resilienz abhängig.

Mit Ereignissen sind auch Menschen verbunden — Menschen, welche bewusst oder unbewusst unsere Biographie mitgestalten. An ihnen wachsen wir oder zerbrechen schlimmstenfalls. Bei all den Begegnungen, welche sich im Laufe unseres Lebens einstellen, sind viele nicht zufällig. Davon bin ich überzeugt. Wären sie dieses, hätten sie nicht soviel Einfluss darauf, welche Wege wir gehen und wie wir uns entwickeln. Aber wer und was sind diese Menschen, welche uns scheinbar „geschickt” werden? Nun, manche von ihnen sind Herausforderungen und stellen uns auf den Prüfstand.

Niemand ist eine Insel, was zur Folge hat, dass wir Teil eines großen Ganzen sind. Das ist spannend, eröffnet uns viele Möglichkeiten, macht uns aber angreif- und verwundbar — von Anfang an. Wir treffen auf Menschen, die uns fördern, fordern und eben auch herausfordern. Ein Kind hat nur sehr beschränkte Möglichkeiten, mündig zu leben, es sei denn es wird dazu u.a. von seinen Eltern ermutigt. Es ist abhängig von den Erwachsenen, welche es umgeben und die es vielleicht nicht immer gut mit ihm meinen, es nicht gedeihen lassen wollen. Hier entscheidet wiederum die Resilienz, wie ein junger Mensch auch mit traumatischen Ereignissen umgeht und diese ihn für sein weiteres Leben prägen. Rutscht man in die Rolle des Opfers, welches sich weiter durch andere fremdbestimmen lässt? Oder geht man aus diesen Krisen gestärkt hervor und wird mündig? Wiederholen sich Beziehungs- und Verhaltensmuster oder findet eine Neuordnung statt, bei der auch Grenzen gezogen werden? Dieses zu tun ist in der Tat unerlässlich, um nicht immer wieder ähnliche Erfahrungen mit verschiedenen Menschen zu machen. Denn wir senden unbewusst auch Signale, welche bei anderen wie Trigger wirken. Diese Menschen fordern uns immer wieder heraus, etwas in unserem Leben zu ändern. Das kann ein langer harter Weg, manchmal ein unendlicher sein. Andere sind wiederum recht schnell in ihrer Lernfähigkeit und entwickeln sozusagen ein Frühwarnsystem.

Hat man derartige Herausforderungen gemeistert, wird man feststellen, dass man dem Menschentypus, der uns zuvor das Leben schwerzumachen schien, begegnen kann, ohne dass sich Altes wiederholt. Man wird feststellen, dass man wieder ein Stück gewachsen ist. Wir können gewisse Begegnungen nicht vermeiden, es sei denn wir führen ein Eremitendasein. Wir haben es meist aber sehr wohl in der Hand festzulegen, wo unsere Grenzen sind und worauf und auf wen wir uns einlassen. Mit Abstand betrachtet sind manche als negativ empfundene Begegnungen Erfahrungen. Und es ist deren Summe, welche uns am Ende ausmacht. Je bewusster Entscheidungen getroffen werden, desto eher können wir auch zulassen, dass uns Menschen herausfordern und wir manchmal auch scheitern. Denn wer Letzteres nicht erlebt, kann nicht wachsen.

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