Lass dich ein


Diesen Moment habe ich in Amsterdam eingefangen. Wenn ich mich mit meiner Kamera auf Streifzug begebe, drücke ich manchmal einfach drauflos. Ich bleibe nicht stehen oder verharre nur kurz, schaue zuweilen nicht einmal durch den Sucher. Dadurch wird die Kamera quasi zu meinem dritten Auge, welches mir zusätzlich Eindrücke über Orte verschafft, an denen ich mich aufhalte. Selbstverständlich wird beim Sichten vieles gelöscht. Ein Vorteil der digitalen Fotografie besteht jedoch darin, dass man sich auch mal wildes Geknipse leisten kann. Zurück bleiben aber auch kostbare Momente wie dieser, in dem ich im Vorbeigehen die Stimmung auf diesem Platz einfing.

Menschen und wie diese interagieren fotografiere ich besonders gern. Was deren Begegnungen betrifft, kann man von Land zu Land Unterschiede feststellen. Amsterdam finde ich sehr lebendig. Das liegt auch daran, dass diese Stadt ein wahrer Schmelztiegel und natürlich auch für Touristen sehr attraktiv ist. Ich selbst habe Niederländer als offen und kommunikativ erlebt. Auch dieses ist ein Grund, warum ich gerne in die von uns 60km entfernte Provinzhauptstadt Groningen fahre. Dort ist es herrlich bunt — ein willkommener Gegensatz zu norddeutscher Akkuratesse.

Ob die Menschen auf diesem Foto einander kennen, weiß ich nicht. Bei dem Herrn, welcher seine Kamera auf die Tauben richtet, gehe ich davon aus, dass er mit den anderen nicht irgendwie verbunden ist. Während er diesen Augenblick festhalten und vielleicht zu Hause mit Freunden und Familie teilen möchte, erleben die Mädchen, welche in die Richtung des Mannes schauen, der die Tauben füttert, gemeinsam mit diesem den Moment. Sie freuen sich jetzt, während der Tourist dieses vielleicht auch tut, aber anders oder gar später beim Betrachten der Fotos.

Gehen wir aber mal davon aus, dass der Mann und die Mädchen sich nicht kennen, zumindest zum Teil. Stellen wir uns vor, da begegnen einander Menschen, die in keiner Weise miteinander zu tun haben, aber sich gemeinsam an diesen Augenblick erfreuen — ist es nicht auch das, was Begegnungen mit anderen ausmacht — Schönes miteinander zu teilen? Wie schwer fällt es manchen jedoch, sich auf solche Momente, auf Unbekannte und Unbekanntes einzulassen? Dabei ist dieses die Grundvoraussetzung dafür, dass etwas Besonderes erwächst. Warum brauchen manche das sichere Terrain des Bewährten, um sich auf andere einzulassen, wenn sie dieses überhaupt tun? Warum sind manche Kreisläufe nach außen geschlossen, warum grenzen wir uns von Unbekanntem ab? Was bremst unsere Neugier auf andere? Ich denke, es sind in erster Linie Furcht und Misstrauen, welches oft in ersterer begründet liegt. Schade drum: wer es schafft, offen auf andere zuzugehen, mit einem unerlässlichen Vertrauensvorschuss, hat die Chance auf wunderbare Begegnungen. Dieses bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass wir sehenden Auges von eine Katastrophe in die nächste stürzen und jegliche Vernunft ausblenden sollten. Sich zu öffnen bedeutet jedoch auch, verwundbarer zu sein. Aber Erfahrungen zu machen, die nicht immer positiv sind, gehört eben zum Leben und individuellen Reifeprozess.

Wichtig ist es auch zu differenzieren, zu wissen, dass man mit einem Menschen Erlebtes nicht auf andere übertragen kann, da es sich sowohl um eine andere Person als auch Situation handelt. Diese Erkenntnis macht frei dafür, sich einzulassen und Menschen zu entdecken, die vielleicht zu Weggefährten werden.

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