Hedonismus oder woran die Individualgesellschaft krankt 


Das sagt der Duden zu Hedonismus: in der Antike begründete philosophische Lehre, Anschauung, nach der das höchste ethische Prinzip das Streben nach Sinnenlust und -genuss ist, das private Glück in der dauerhaften Erfüllung individueller physischer und psychischer Lust gesehen wird.

Die Tatsache, dass das Leben nach dem Lustprinzip schon in der Antike u.a. Philosophen umtrieb, zeigt, dass die Lust des Menschen, sich selbst zu feiern kein Produkt unserer Zeit ist. Allerdings ist zu beobachten, dass die Gemeinde der Hedonisten — wobei in diesem Fall von einer solchen zu sprechen per se ein Widerspruch ist — stetig wächst und es heute viel mehr Möglichkeiten gibt, seinen Egotrip zu verwirklichen.

Sieht man sich in sozialen Netzwerken um, findet man da eine Fülle von Botschaften, welche eines gemeinsam haben: Sie sagen dir, dass du wichtig bist, und zwar nur du. Sie animieren dich dazu, dein Ego zu streicheln: Nur du bist wichtig — du und deine Bedürfnisse. Was andere denken: egal. Die haben einen so zu nehmen, wie man ist — friss oder stirb. Jedes Entgegenkommen käme einem Sich-Verbiegen gleich. Läuft nicht.

Für viele scheint diese Art zu leben für eine Zeit lang zu funktionieren. Likes und Follower in sozialen Netzwerken bestätigen einen dabei in dem Glauben, dass das Leben eine einzige Party ist, auf der man selbst den Mittelpunkt darstellt. Auch hier gibt es Gemeinsamkeiten: Viele derjenigen, die das Zentrum ihres Mikrokosmos‘ darstellen, sind jung — sehr jung. Sie sind mit dem Gedanken aufgewachsen, samt ihrer Bedürfnisse wichtiger als andere zu sein, u.a. weil Eltern sie zu ihren Fetischen gemacht haben. Jung und frei — ach, das Leben kann so schön sein: so herrlich unverbindlich und unbeschwert. Der erste Auszug, die räumliche Trennung von Freunden, die nie welche waren, lassen den vielleicht ersten Verdacht aufkommen, dass das Leben doch keine einzige Party ist. Wenn man Glück hat oder auch nicht, trifft man schnell auf Leute, die bereit sind, spätestens am Wochenende den schalen Beigeschmack des Lebens, der sich zunehmend einstellt, runterzuspülen oder sonst irgendwie wegzuballern und das Ganze auf Instagram zu feiern.

Zu sagen, dass Hedonismus ein Jugendphänomen sei, ist jedoch falsch. Auch Menschen, welche die Lebensmitte erreicht oder diese überschritten haben, entdecken zunehmend sich selbst. Das liegt zum einen daran, dass Fünfzig das neue Dreißig ist. Die statistische Lebenserwartung hat sich nach hinten verschoben. Menschen arbeiten i.d.R. körperlich weniger und sind auch dadurch fitter, das Leben ist nicht mehr hauptsächlich pragmatisch orientiert und ganze Geschäftszweige leben davon, einem vorzugaukeln, dass man für immer jung bleiben kann. Alles ist möglich, alles wartet auf dich. Warum sich also festlegen, wenn man sich nach Gusto bedienen kann? Es ist doch viel einfacher, heute hier und morgen da zu picken, ohne sich festzulegen oder gar Verantwortung zu übernehmen. Das höchste der Gefühle ist da ein Hund — dessen Lebensdauer ist überschaubar und außerdem kann man ihn weggeben, wann immer man will. Außerdem sind Hunde so herrlich flexibel und gefügig, wenn man es richtig anstellt.

Während aber so mancher sich am Leben und den Menschen darin bedient, merkt er gar nicht, dass er dabei auf dem besten Weg ist, sich selbst zu verlieren. Spätestens wenn unvorhergesehene Dinge eintreten, man Rückschläge erlebt, stößt man an die Grenzen der Spaßgesellschaft: wer nicht mitfeiern kann, fliegt raus, und zwar gnadenlos. Auf sich zurückgeworfen hat man viel Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, so man den Mut dazu hat. Manch einen beschleicht dabei die Erkenntnis, dass Verbindlichkeit durchaus ihre positiven Seiten hat. Wäre es wirklich so mühsam gewesen oder gar unmöglich, dem einen oder anderen seine Wertschätzung entgegenzubringen, auch mal etwas zu tun, was dem andern gut getan hätte, auch wenn einem in jenem Moment gerade nicht der Sinn danach stand? Hat man aus Angst vor Nähe und den damit verbundenen vermeintlichen Verpflichtungen Menschen vor den Kopf gestoßen und sich dabei zunehmend isoliert?

Depressionen und sonstige psychische Leiden sind auf dem Vormarsch. Und das wird nicht besser, so lange wir nicht bereit sind, einander zuzuwenden. Wie soll eine Gesellschaft im großen Ganzen funktionieren, wenn sie sich von innen auflöst? Wird sie dadurch nicht auch verwundbar? Sein Leben zu leben, nach Glück zu streben und dabei die Bedürfnisse anderer nicht aus den Augen zu verlieren schließen einander nicht aus. Im Gegenteil — Glück ist eines der wenigen Dinge, welche sich multiplizieren, wenn man sie teilt.

Giotto-Eis

Seit ich mich durchgerungen habe, eine Eismaschine mit Kompressor anzuschaffen, wird wild rumprobiert, was einen der köstlichsten Nachtische, für den immer Platz ist, betrifft. Die Inspiration zu diesem Experiment kam von Felix, unserem Zweitgeborenen. Da er ein Leckermäulchen ist, eignet er sich hervorragend als Versuchskaninchen. Allerdings ist er in seinem Urteil kritisch. Und hätte dieses Eis seiner Qualitätskontrolle nicht standgehalten, wäre es gewiss nicht hier gelandet.

Es handelt sich aber nicht nur um ein sehr leckeres, sondern auch sehr schnelles Eis. Wer den Geschmack veredeln möchte, stellt das Karamell selbst her und tauscht das Vanillearoma, welches ich aus Frankreich mitgebracht habe, gegen das Mark einer Vanilleschote aus.

Zutaten:
400 ml Schlagsahne

20          Giotto-Kugeln, welche in einem Gefrierbeutel mit dem Fleischhammer zerkleinert werden

4 El        Karamellsauce, Fertigprodukt oder selbstgemacht

2 El        Vanillearoma oder Mark einer Vanilleschote sehr guter Qualität

2 El        sehr feiner Zucker oder je nach Geschmack mehr
Das alles wird in einer Rührschüssel mit Hilfe eines Mixers zu einer gleichmäßigen Masse vermengt und in die Eismaschine gegeben. Während man gemütlich sein Essen verspeist, zaubert diese innerhalb ca. einer halben Stunde den Nachtisch, über den sich alle gleich hermachen dürfen…

Sprachlos


Sprachlosigkeit als Momentaufnahme kann durchaus positive Ursachen haben: Männer werden beim Anblick einer schönen Frau sprachlos oder umgekehrt. Der Zauber dessen, was jemand sagt, sein Witz können einem die Worte rauben, ebenso wie eine rührende Geste.

Unangenehme oder traumatische Erlebnisse lassen Menschen natürlich auch die Worte fehlen, und so finden wir uns schnell im Negativbereich der Sprachlosigkeit wieder. Noch schlimmer ist es, wenn sie keine Momentaufnahme bleibt, sondern sich chronifiziert oder das eigene Leben bzw. die Beziehung mit anderen schon immer bestimmt hat, weil man nie gelernt oder das Bedürfnis verspürt hat, seine Gedanken und Gefühle zu artikulieren.

Wenn ich Menschen begegne, sie frage, wie es ihnen geht — ich möchte das tatsächlich wissen — kommt oft ein automatisch ausgestoßenes „Bestens”. In den meisten Fällen sagt mir meine Intuition, dass dem nicht so ist. Manchmal hake ich nach, weil mir der Mensch wichtig ist oder ich spüre, dass er kurz davor ist zu sagen, wie es ihm wirklich geht, er sprechen möchte. Warum aber fällt es Menschen so schwer, die Frage nach dem Wohlbefinden ehrlich zu beantworten? Das soll natürlich nicht bedeuten, dass man vor Hans und Franz sein Leben ausbreiten soll. Aber manche Menschen äußern nicht einmal in vertrauter Umgebung, was sie bewegt, ebensowenig wie in einem inneren Monolog. Das bleibt für sie selbst und ihr Umfeld meist nicht ohne Folgen. Um authentisch zu leben, mit sich und den Menschen, die einen umgeben, im Reinen zu sein, bedarf es jedoch des Bewusstseins, des Zulassens von Gedanken sowie deren Äußerung.

Sprachlosigkeit ist gesamtgesellschaftlich gesehen nicht vorwiegend ein Generationenproblem, sondern auch. Erst in den letzten Jahren beobachte ich, dass auch in der Öffentlichkeit hinsichtlich der Gesprächsinhalte Tabus gebrochen werden, ebenso wie auch in sozialen Medien immer mehr Schranken fallen, was nicht immer von Vorteil oder wünschenswert ist. Im Gegensatz dazu erlebt man aber auch, dass Sprachlosigkeit auch unter jungen Menschen noch immer ein Thema ist.

Aber was ist dran an der generationsbedingten Sprachlosigkeit? Die gibt es ohne Zweifel, denkt man z.B. an die Kindererziehung früherer Zeiten nach, die von Autorität geprägt war, wo Angst und Gewalt probate Mittel waren,  um den Nachwuchs auf ein pragmatisch orientiertes Leben vorzubereiten. Da ging es nicht darum, ein authentisches Dasein zu führen, in sich hineinzuhören, sich selbst zu verwirklichen. Gefühle waren Duselei, weshalb man nicht darüber sprach. Dann kamen zwei schreckliche Kriege, von denen sich gerade der II. Weltkrieg mit all seinen Schrecken in das kollektive Gedächtnis einbrannte und Millionen Menschen den Mund versiegelte, was natürlich nachhallte. Nachhallende Sprachlosigkeit — klingt irgendwie paradox. Es ist außerdem auch festzustellen, dass noch heute in archaisch geprägten Strukturen und je nach soziokukturellem Kontext auch und vor allem Sprachlosigkeit das Miteinander stört und großen Leidensdruck verursacht.

Neulich war Sprachlosigkeit auch das Thema in einer Runde, als ein Mann sagte, dass er mit seiner Frau seit 55 Jahren verheiratet sei. 55 Jahre — das ist mehr Zeit, als ich lebe, obwohl ich inzwischen selbst Mutter zweier erwachsener Söhne bin. Er sagte, er habe im Laufe seiner langjährigen Ehe eines lernen müssen, und zwar zu reden — immer wieder und über alles. Nichts totschweigen. Ja, auch als Erwachsener kann man lernen, denn solange wir atmen, befinden wir uns in einem dynamischen Prozess, verändern wir uns — mit jedem Atemzug, ohne dass wir es merken. Ich denke, genau das Wissen um die Bedeutung der Sprache und dessen Umsetzung sind mit die wichtigsten Zutaten für eine ehrliche und dauerhafte Beziehung oder in diesem Fall eine Ehe, welche jedem Sturm trotzt.

Sprachlosigkeit empfinde ich jedoch vor allem besonders tragisch, wenn es nicht nur um Einzelne und deren individuelle Beziehungsgeflechte geht, sondern wenn sie ganze Familien betrifft. Da gibt es Söhne und Töchter, welche sich nicht outen, fürchtend, dass die Familie mit ihnen brechen würde. Da trauen sich Kinder nicht, ihren Eltern zu sagen, dass sie für sich selbst einen ganz anderen als den von Vater und Mutter vorgezeichneten Lebensweg vorgesehen haben. Da brechen Eltern unter der Last des Alltags und des Familienlebens zusammen, weil sie sich nicht das eingestehen, was sie in ihren Augen als Schwäche betrachten. Aber ist es nicht gerade ein Zeichen von Stärke, sich mit allem anzunehmen und auch von seiner verwundbaren Seite zu zeigen? Birgt nicht gerade dieser Ansatz das Potential für eine positive Wende und Wachstum?

Warum sind Depressionen auf dem Vormarsch, warum ersticken Menschen irgendwannan an all dem, was sie Tag für Tag runterschlucken? Wieviel einfacher wäre es doch, sich miteinander auszutauschen und zu erfahren, dass man mit dem, was man erlebt und womit man kämpft, nicht alleine ist? Wie oft spüre ich am Ende eines offenen Gesprächs die Erleichterung meines Gegenübers oder meine eigene… Nicht alleine zu sein mit dem, was einen bewegt, lässt vieles in einem freundlicheren Licht erscheinen und macht Mut, Dinge anzupacken.

Und hat es auch nicht etwas von Verantwortungsbewusstsein, sich denjenigen gegenüber zu öffnen, die einem nahe stehen?  Genau bei ihnen sollten wir beginnen. Nicht nur ihretwillen, sondern auch für uns selbst. Denn nur wenn man sich selbst gegenüber ehrlich und schonungslos begegnet, kann man ein authentisches Leben führen. Und das wollen doch die meisten, denke ich — zumindest, wenn sie den Anspruch haben, bewusst zu leben.

Pasta mit Zucchini und Pecannüssen

Die Zucchini, welche zur Familie der Kürbisgewächse zählt und ihren Ursprung in Italien hat, ist auch aus unserer Küche mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Ich habe heute mal was ausprobiert und bin so begeistert, dass ich mein Rezept mit euch teilen möchte. Für dieses Gericht habe ich Pecannüsse in der Pfanne geröstet und Zucchini hinzugegeben. Aber der Reihe nach…
Für 4 Personen braucht ihr ca.:

600g Zucchini

150g  gehackte Pecannüsse oder auch mehr — ich mag immer viele Nüsse

150g  geriebenen Hartkäse, vorzugsweise Pecorino

Olivenöl, Pfeffer, Salz

Hartkäse, gerieben, zum Bestreuen

Pasta

Die gehackten Nüsse werden in einer beschichteten Pfanne geröstet und dann werden sowohl Olivenöl als auch die klein gewürfelten Zucchini hinzugefügt, welche unter Rühren gegart werden, während die Pasta nach Packungsanleitung zubereitet wird — bitte bedenkt, dass die Garzeiten je nach Produkt stark variieren.

Wenn die Zucchini nach ca. 15 Min. die gewünschte Konsistenz haben, wird der geriebene Käse

untergemischt.

Die al dente zubereitete Pasta wird auf Teller verteilt. Von der Zucchini-Pfanne wird etwas darüber gegeben sowie das Ganze mit Käse bestreut, was dann so aussieht:

Ich hoffe, ihr findet das so lecker wie ich…

Gefüllte Zucchini-Blüten

Nirgendwo habe ich schönere und üppigere Zucchiniblüten gesehen als auf Sizilien. Normalerweise habe ich auf kulinarischer Ebene keine Berührungsangste, aber bei aller Neugier und Experimentierfreude landete die Leckerei tatsächlich erst heute auf dem Teller. Auf Sizilien präsentieren sich die Blüten so,

während die von

http://www.andronaco.info/standorte/hamburg-billbrook/

mit einem kleinen Fruchtansatz daherkamen.

 

Für die Füllung braucht ihr folgende Zutaten:

 

Für 4 Portionen:

8              Zucchiniblüten

Ca. 50g  Pinienkerne, Pecannüsse oder Nussmischung

1              Handvoll Basilikumblätter

1/2          Handvoll Blattpetersilie

250g       Frischkäse

1  El        Semmelbrösel (selbstgemacht oder vom Bäcker)

4 El         frisch geriebener Parmesan oder Pecorino

1              Eigelb

1 Tl         fein abgeriebene Bio-Zitronenschale

1              Schuss Schlagsahne

Pfeffer, Salz

Werkzeug:

Spritzbeutel — kann man sich selbst aus einem Gefrierbeutel basteln.

Zubereitung:

Pinienkerne bzw. Nüsse in einer beschichteten Pfanne ohne Fett goldbraun rösten, abkühlen lassen und ebenso wie Basilikum und Petersilie fein hacken.

Frischkäse mit Pinienkernen, Basilikum, Petersilie, Semmelbröseln, geriebenen Käse, Eigelb und Zitronenschale verrühren sowie mit Salz und Pfeffer würzen. Füllung in einen Spritz- bzw. Gefrierbeutel geben, von dem die Spitze angeschnitten wird.

Zucchiniblüten vorsichtig öffnen und die Blütenstempel mit den Staubgefäßen abknipsen. Vorbereitete Füllung in die Blüten spritzen. Blütenspitzen zusammendrehen und die Blüten verschließen. Sollten die Blüten kleine Fruchtansätze haben, werden die an mehreren Stellen eingekerbt.

Dann wird eine ofenfeste Pfanne mit Butter eingerieben und die Zucchiniblüten werden hineingegeben. Anschließend werden sie mit etwas Olivenöl eingepinselt und im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad 15 Min. gebacken.

Die Füllung schmeckt übrigens auch köstlich als Aufstrich auf geröstetem Weißbrot. Da ich bei der Zubereitung der Blüten für niedere Küchendienste eingeteilt war, bestand meine Aufgabe darin, die Blüten zu befüllen, welche mir Martinus entgegenhielt. Dabei handelte ich mir prompt Ärger ein, weil ich immer wieder von der Creme naschen musste. Obwohl ich die fertigen Blüten auch so verspeist hätte, aßen wir sie mit klitzeklein gewürfelten Bratkartoffeln sowie Kalbsmedaillons und Salbeisoße. Das sah dann so aus:

Wofür leben wir?


Dieses Foto entstand an einem Sommertag in Trappeto. Es zeigt Männer, welche die Boote von Anwohnern bewachen. Das sieht nicht wirklich nach schwerer Arbeit, sondern eher recht gemütlich aus. An einem dieser Sommertage machten wir die Bekanntschaft mit Paul. Ich war überrascht darüber, dass er uns auf Englisch ansprach — eher unbekannte Klänge in diesem verschlafenen Ort auf der größten Insel Italiens. Das Rätsel war schnell gelöst: Paul hatte Jahrzehnte in den USA gelebt, nachdem seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern dorthin ausgewandert waren. Vater und Mutter zog es irgendwann wieder in ihre geliebte Heimat, welche ihnen all die Jahre gefehlt hatte. Nun war der Mittfünfziger auch wieder dorthin zurückgekehrt, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Nur Paul hatte eine gänzlich andere Motivation als seine Eltern, der hektischen Betriebsamkeit seines Lebens in den USA den Rücken zu kehren, um in dem kleinen Trappeto zu leben: Sein Vater ist inzwischen verstorben, die Mutter alleine und hilfsbedürftig. Für Paul stellte sich gar nicht erst die Frage, ob er seine Zelte abbrechen sollte. Der Gedanke, seine Mutter alleine zu wissen, war für ihn unerträglich. Und so gab er sein gewohntes und geschätztes  Leben auf, um an einen Ort zurückzukehren, der ihm fremd geworden und wo er selbst für andere ein Fremder ist. Aber Paul hat eine Wahl getroffen. Ob es eine gute Wahl war, wird sich hoffentlich zeigen. Ich wünsche ihm, dass er in seiner neuen alten Heimat ankommt.

Nachdem ich Pauls Geschichte gehört hatte, erschienen mir die Personen auf diesem Bild in einem anderen Licht. Wer wusste schon, warum sie dort waren, was sie da wirklich machten? Waren sie glücklich damit oder versuchten sie mit der Bewachung der Boote etwas zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen — im Gegensatz zu Paul, für den diese Tätigkeit ein Freundschaftsdienst war.

Während ich aber die Männer vor mir beobachtete, wirkten sie entspannt und fröhlich und so dominiert noch heute der Gedanke, dass ihr Aufenthalt unter diesem improvisierten Sonnendach eher dazu diente, sich auszuklinken und das zu tun, wofür wir alle da sind: zu leben. Und genau das sollte man bei allem Beschäftigtsein nicht vergessen: vermeintlich Wichtiges sein lassen und dem als unwichtig Verkannten mehr von uns schenken. Denn auch letzteres ist genau das, woraus wir Kraft für all das schöpfen, was tatsächlich der Erledigung bedarf.

 

Bucket List

„Du hast noch dein ganzes Leben vor dir.” Wie oft müssen sich junge Menschen diesen Satz anhören, wie oft straft das Leben diese Worte Lügen. Denn niemand weiß, wie viel Zeit ihm selbst oder anderen geschenkt ist. Und dennoch lassen sich manche zu diesen Worten hinreißen. Machen sie sich selbst froh, indem sie auf die statistische Lebenszeit vertrauen?  Ist es Neid auf die Jugend des Gegenübers, der sie veranlasst, den anderen am Leben  hindern zu wollen oder einfach Überheblichkeit?

Ich habe mir schon immer viele Gedanken über das Leben und die Menschen gemacht und dabei auch mich selbst beobachtet und reflektiert. Ich habe hingesehen, auch wenn es wehtat. Aber auch das gehört für mich zu einem authentischen Leben. Und ich habe gesehen, dass kaum etwas so wenig zutrifft wie der Eingangssatz.

Um nicht die Dinge aus den Augen zu verlieren, welche sie in ihrem Leben unbedingt tun wollen, erstellen manche eine sog. Bucket List. Wenn man bedenkt, dass „bucket” im Deutschen auch „Eimer” bedeutet, wird schnell klar, wofür eine solche Liste ist, wenn sie  genau dieses bleibt und immer länger wird, weil kein Posten abgehakt wird: eben — für den Eimer. Was nützen denn all die schönen Vorhaben, wenn sie nicht umgesetzt werden? Was gibt uns ein geträumtes Leben voller nicht gelebter Träume?

Viele erstellen eine solche Liste angesichts einer schweren Krankheit, nicht wissend, ob und wie viele Posten sie davon noch erledigen können, wie viel Zeit ihnen dafür bleibt. Aber erstaunlicherweise ist es oft genau der Blick in das Angesicht des Todes, welcher Menschen dazu motiviert, Dinge anzupacken, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Aber wollen wir wirklich so lange warten? Können und wollen wir uns das leisten?

Wie man sieht, ist meine tägliche Checkliste kurz. Mehr braucht da für mich auch nicht zu stehen. Sie erinnert mich lediglich daran, Tag für Tag Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und über meine Pflichten das Leben nicht zu vergessen. Und ebenso von Tag zu Tag merke ich, dass ich diesen „Denkzettel” immer weniger brauche. Denn eine Lektion, welche mich das Leben gelehrt hat, ist die, dass dieses endlich ist, und zwar ohne Rücksicht auf das Alter und die Lebensumstände eines Menschen sowie dessen Bucket List.

Werden alte Menschen am Ende ihres Lebens gefragt, was sie bereuen, dann hört man oft:„Ich bereue mehr die Dinge, welche ich nicht getan habe als das, was ich getan habe.” Diesen Satz sollte man auf sich wirken lassen, wie ich finde…