Wofür leben wir?


Dieses Foto entstand an einem Sommertag in Trappeto. Es zeigt Männer, welche die Boote von Anwohnern bewachen. Das sieht nicht wirklich nach schwerer Arbeit, sondern eher recht gemütlich aus. An einem dieser Sommertage machten wir die Bekanntschaft mit Paul. Ich war überrascht darüber, dass er uns auf Englisch ansprach — eher unbekannte Klänge in diesem verschlafenen Ort auf der größten Insel Italiens. Das Rätsel war schnell gelöst: Paul hatte Jahrzehnte in den USA gelebt, nachdem seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern dorthin ausgewandert waren. Vater und Mutter zog es irgendwann wieder in ihre geliebte Heimat, welche ihnen all die Jahre gefehlt hatte. Nun war der Mittfünfziger auch wieder dorthin zurückgekehrt, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Nur Paul hatte eine gänzlich andere Motivation als seine Eltern, der hektischen Betriebsamkeit seines Lebens in den USA den Rücken zu kehren, um in dem kleinen Trappeto zu leben: Sein Vater ist inzwischen verstorben, die Mutter alleine und hilfsbedürftig. Für Paul stellte sich gar nicht erst die Frage, ob er seine Zelte abbrechen sollte. Der Gedanke, seine Mutter alleine zu wissen, war für ihn unerträglich. Und so gab er sein gewohntes und geschätztes  Leben auf, um an einen Ort zurückzukehren, der ihm fremd geworden und wo er selbst für andere ein Fremder ist. Aber Paul hat eine Wahl getroffen. Ob es eine gute Wahl war, wird sich hoffentlich zeigen. Ich wünsche ihm, dass er in seiner neuen alten Heimat ankommt.

Nachdem ich Pauls Geschichte gehört hatte, erschienen mir die Personen auf diesem Bild in einem anderen Licht. Wer wusste schon, warum sie dort waren, was sie da wirklich machten? Waren sie glücklich damit oder versuchten sie mit der Bewachung der Boote etwas zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen — im Gegensatz zu Paul, für den diese Tätigkeit ein Freundschaftsdienst war.

Während ich aber die Männer vor mir beobachtete, wirkten sie entspannt und fröhlich und so dominiert noch heute der Gedanke, dass ihr Aufenthalt unter diesem improvisierten Sonnendach eher dazu diente, sich auszuklinken und das zu tun, wofür wir alle da sind: zu leben. Und genau das sollte man bei allem Beschäftigtsein nicht vergessen: vermeintlich Wichtiges sein lassen und dem als unwichtig Verkannten mehr von uns schenken. Denn auch letzteres ist genau das, woraus wir Kraft für all das schöpfen, was tatsächlich der Erledigung bedarf.

 

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