Sprachlos


Sprachlosigkeit als Momentaufnahme kann durchaus positive Ursachen haben: Männer werden beim Anblick einer schönen Frau sprachlos oder umgekehrt. Der Zauber dessen, was jemand sagt, sein Witz können einem die Worte rauben, ebenso wie eine rührende Geste.

Unangenehme oder traumatische Erlebnisse lassen Menschen natürlich auch die Worte fehlen, und so finden wir uns schnell im Negativbereich der Sprachlosigkeit wieder. Noch schlimmer ist es, wenn sie keine Momentaufnahme bleibt, sondern sich chronifiziert oder das eigene Leben bzw. die Beziehung mit anderen schon immer bestimmt hat, weil man nie gelernt oder das Bedürfnis verspürt hat, seine Gedanken und Gefühle zu artikulieren.

Wenn ich Menschen begegne, sie frage, wie es ihnen geht — ich möchte das tatsächlich wissen — kommt oft ein automatisch ausgestoßenes „Bestens”. In den meisten Fällen sagt mir meine Intuition, dass dem nicht so ist. Manchmal hake ich nach, weil mir der Mensch wichtig ist oder ich spüre, dass er kurz davor ist zu sagen, wie es ihm wirklich geht, er sprechen möchte. Warum aber fällt es Menschen so schwer, die Frage nach dem Wohlbefinden ehrlich zu beantworten? Das soll natürlich nicht bedeuten, dass man vor Hans und Franz sein Leben ausbreiten soll. Aber manche Menschen äußern nicht einmal in vertrauter Umgebung, was sie bewegt, ebensowenig wie in einem inneren Monolog. Das bleibt für sie selbst und ihr Umfeld meist nicht ohne Folgen. Um authentisch zu leben, mit sich und den Menschen, die einen umgeben, im Reinen zu sein, bedarf es jedoch des Bewusstseins, des Zulassens von Gedanken sowie deren Äußerung.

Sprachlosigkeit ist gesamtgesellschaftlich gesehen nicht vorwiegend ein Generationenproblem, sondern auch. Erst in den letzten Jahren beobachte ich, dass auch in der Öffentlichkeit hinsichtlich der Gesprächsinhalte Tabus gebrochen werden, ebenso wie auch in sozialen Medien immer mehr Schranken fallen, was nicht immer von Vorteil oder wünschenswert ist. Im Gegensatz dazu erlebt man aber auch, dass Sprachlosigkeit auch unter jungen Menschen noch immer ein Thema ist.

Aber was ist dran an der generationsbedingten Sprachlosigkeit? Die gibt es ohne Zweifel, denkt man z.B. an die Kindererziehung früherer Zeiten nach, die von Autorität geprägt war, wo Angst und Gewalt probate Mittel waren,  um den Nachwuchs auf ein pragmatisch orientiertes Leben vorzubereiten. Da ging es nicht darum, ein authentisches Dasein zu führen, in sich hineinzuhören, sich selbst zu verwirklichen. Gefühle waren Duselei, weshalb man nicht darüber sprach. Dann kamen zwei schreckliche Kriege, von denen sich gerade der II. Weltkrieg mit all seinen Schrecken in das kollektive Gedächtnis einbrannte und Millionen Menschen den Mund versiegelte, was natürlich nachhallte. Nachhallende Sprachlosigkeit — klingt irgendwie paradox. Es ist außerdem auch festzustellen, dass noch heute in archaisch geprägten Strukturen und je nach soziokukturellem Kontext auch und vor allem Sprachlosigkeit das Miteinander stört und großen Leidensdruck verursacht.

Neulich war Sprachlosigkeit auch das Thema in einer Runde, als ein Mann sagte, dass er mit seiner Frau seit 55 Jahren verheiratet sei. 55 Jahre — das ist mehr Zeit, als ich lebe, obwohl ich inzwischen selbst Mutter zweier erwachsener Söhne bin. Er sagte, er habe im Laufe seiner langjährigen Ehe eines lernen müssen, und zwar zu reden — immer wieder und über alles. Nichts totschweigen. Ja, auch als Erwachsener kann man lernen, denn solange wir atmen, befinden wir uns in einem dynamischen Prozess, verändern wir uns — mit jedem Atemzug, ohne dass wir es merken. Ich denke, genau das Wissen um die Bedeutung der Sprache und dessen Umsetzung sind mit die wichtigsten Zutaten für eine ehrliche und dauerhafte Beziehung oder in diesem Fall eine Ehe, welche jedem Sturm trotzt.

Sprachlosigkeit empfinde ich jedoch vor allem besonders tragisch, wenn es nicht nur um Einzelne und deren individuelle Beziehungsgeflechte geht, sondern wenn sie ganze Familien betrifft. Da gibt es Söhne und Töchter, welche sich nicht outen, fürchtend, dass die Familie mit ihnen brechen würde. Da trauen sich Kinder nicht, ihren Eltern zu sagen, dass sie für sich selbst einen ganz anderen als den von Vater und Mutter vorgezeichneten Lebensweg vorgesehen haben. Da brechen Eltern unter der Last des Alltags und des Familienlebens zusammen, weil sie sich nicht das eingestehen, was sie in ihren Augen als Schwäche betrachten. Aber ist es nicht gerade ein Zeichen von Stärke, sich mit allem anzunehmen und auch von seiner verwundbaren Seite zu zeigen? Birgt nicht gerade dieser Ansatz das Potential für eine positive Wende und Wachstum?

Warum sind Depressionen auf dem Vormarsch, warum ersticken Menschen irgendwannan an all dem, was sie Tag für Tag runterschlucken? Wieviel einfacher wäre es doch, sich miteinander auszutauschen und zu erfahren, dass man mit dem, was man erlebt und womit man kämpft, nicht alleine ist? Wie oft spüre ich am Ende eines offenen Gesprächs die Erleichterung meines Gegenübers oder meine eigene… Nicht alleine zu sein mit dem, was einen bewegt, lässt vieles in einem freundlicheren Licht erscheinen und macht Mut, Dinge anzupacken.

Und hat es auch nicht etwas von Verantwortungsbewusstsein, sich denjenigen gegenüber zu öffnen, die einem nahe stehen?  Genau bei ihnen sollten wir beginnen. Nicht nur ihretwillen, sondern auch für uns selbst. Denn nur wenn man sich selbst gegenüber ehrlich und schonungslos begegnet, kann man ein authentisches Leben führen. Und das wollen doch die meisten, denke ich — zumindest, wenn sie den Anspruch haben, bewusst zu leben.

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