Was du mir wert bist

Was ist ein Mensch mir wert? Wie bringe ich ihm meine Wertschätzung entgegen? In dieser Frage spielt wieder einmal Zeit, dieses so kostbare Gut, eine Rolle. Ich behaupte an dieser Stelle, dass für diejenigen, die einem wichtig sind, Zeit da ist, weil man sich diese nimmt. Schließlich ist sie auch vorhanden, während man toten Dingen hinterherjagt bzw. sich mit diesen beschäftigt. Aber tote Dinge fordern nicht, man behält die Kontrolle — denkt man. Denn im schlimmsten Fall wird man zu deren Sklaven.

In einer Gesellschaft, in der scheinbar alles möglich ist, Menschen austauschbar geworden sind und aus dem eigenen Leben verabschiedet werden, sobald sie nicht mehr hineinzupassen scheinen, bemüht man sich auch weniger umeinander. Der andere ist es nicht wert, dass man auf dessen Bedürfnisse achtet oder gar eingeht, ist man doch zu sehr mit seinen eigenen beschäftigt. Es wird ja auch an jeder Ecke gepredigt, wie wichtig man doch selbst sei, dass andere einen gefälligst so zu nehmen hätten, wie man sei oder es bleiben lassen sollten. Das ist eine Art durchs Leben zu gehen, welche möglicherweise so lange funktioniert, wie man in letzter Konsequenz bereit ist, ohne Bindungen zu leben. Letzteres fühlt sich sehr frei an, gibt einem das Gefühl, den Controller in der Hand zu halten, mit dem man sich und sein Leben steuert und sein Umfeld mit. Man braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, wie es andern geht. Es genügt doch, wenn einem selbst wohl ist. Aber ist es das wirklich? Wollen wir so miteinander leben? Es scheint, als komme dieser Lebensplan für immer mehr Menschen in Frage. Ist ja halt auch irgendwie bequem. Sieht man sich aber Umfrageergebnisse an, scheinen sich auch junge Menschen noch immer Nähe und Geborgenheit zu wünschen, zumindest punktuell. Und genau da dringen wir zum Kern des Problems vor — Nähe ja, aber nicht zuviel und nur dann, wenn ich sie brauche. Und bitte so wenig anstrengend wie möglich, gerne auf dem Tablett serviert, Abräumen auf Zuruf. Und da wir ja so toll und liebenswert sind, brauchen wir gar nichts zu tun und lassen andere machen. Wir bestimmen wo’s lang geht. Wir sagen, wieviel Nähe wir wünschen oder auch nicht, halten fest und lassen los, wie’s uns beliebt. Dabei gehen wir nicht auf die Bedürfnisse anderer ein, vergeuden nicht unsere wertvolle Zeit, um u.a. anderen unsere Wertschätzung entgegenzubringen. Nein, die brauchen wir für uns selbst sowie all die Dinge, nach denen uns gerade der Sinn steht, peinlich darauf bedacht, unverbindlich zu bleiben. Die Frage ist: Spüren wir uns dabei noch selbst?

Aber es kann tatsächlich funktionieren — bis man irgendwann zu der Erkenntnis gelangt, dass ein Mensch es doch wert gewesen wäre, sich mit dessen Bedürfnissen auseinanderzusetzen und dabei nur für den einen oder anderen Moment seine eigenen zurückzustellen. Wenn der einst so verlässliche Gefährte, der allzu oft erleben musste, wie wenig er wertgeschätzt wurde, sich schleichend entfernt hat, eine Lücke hinterlässt, wird einem oft erst bewusst, dass es sich gelohnt hätte, etwas von seiner ach so wertvollen Zeit abzugeben, mit der man dann vielleicht gar nicht mehr so recht etwas anzufangen weiß, nachdem der andere seinen stillen Abschied vollzogen hat. Und da man mit seiner Haltung und Art im Umgang mit Menschen manch einen vor den Kopf gestoßen hat, ist da womöglich niemand mehr, der einem zur Seite steht oder sich für einen interessiert. So wird derjenige, der scheinbar alles unter Kontrolle hatte, u.U. gezwungen, das Spiel nach den Regeln weiterzuspielen, die er selbst festgelegt hat — ob er will oder nicht.

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