Das Leben ist eine Baustelle 


Ich schreibe diesen Eintrag in Gedanken an einen Menschen, der an seinem falschen Leben förmlich erstickt ist und den Freitod als einzigen Ausweg gesehen hat. So weit muss es nicht kommen, aber viele stecken in einem Leben fest, das nicht zu ihnen passt. Sie verschließen davor die Augen oder kapitulieren. Aber da gibt es auch diejenigen, welche nicht Morgen für Morgen aufwachen wollen, um zu spüren, das sich das, was sie umgibt oder sie selbst sich falsch anfühlen. Sie krempeln die Ärmel hoch und machen sich an die Arbeit — auf ihrer Lebensbaustelle.

Je nachdem an welchem Holz ich ziehe, wird sich dieses auf die Statik des gesamten Gebildes auswirken bzw. wird dieses vielleicht sogar einstürzen.

Betrachten wir dieses Konstrukt als unser Lebenshaus, mehr oder weniger bunt und vielfältig: Möchte man minimal invasiv vorgehen, entfernt man eines oder mehrere der oberen Teile. Das kann der Fall sein, wenn einem das Haus im Großen und Ganzen gefällt, aber Details ändern möchte oder gar muss. Der Aufwand ist relativ gering und wenn man sein Lebenshaus mehr oder weniger regelmäßig betrachtet und pflegt, dann bleibt es auf diese Weise in einem stets gepflegten Zustand.

Manchmal oder oft ist es jedoch so, dass man dieses unterlässt, und zwar aus verschiedenen Gründen: Man unterlässt es , weil doch alles gut ist wie’s ist und denkt, es genüge, ab und zu mal flüchtig draufzuschauen — wenn überhaupt. Man hat sich schließlich bequem darin eingerichtet. Manchmal hat man aber auch Angst nachzusehen — fürchtend,  Stellen zu entdecken, welche der (sofortigen) Reparatur bedürfen, um weitere Schäden abzuwenden. Welch Zeit, welch Mühe wären erforderlich. Lohnten sich die überhaupt? Ist ja noch alles gut soweit. Pinseln wir einfach ein bisschen Farbe drüber.

Im schlimmsten Fall rottet das Lebenshaus aber still vor sich hin. Man merkt dabei gar nicht, das nicht nur die Fassade vor sich hin bröckelt, sondern auch die Substanz schon gelitten hat. Nun wird es ungemütlich darin, der Wind pfeift durch alle Löcher — Einsturzgefahr. Es bleibt einem also nichts anderes übrig, als doch mal nachzusehen, was aus der einst so kuscheligen Komfortzone geworden ist, von der nun beim näheren Hinsehen kaum noch etwas übrig ist.

Bei Einsturzgefahr bleibt nur der radikale Eingriff: Abriss und Neubau. Letzterer ist jedoch ein Kraftakt, der kaum, manchmal gar nicht, leistbar und auch davon abhängig ist, wie lange man den Verfall ignoriert hat. Das Material für das neue Haus ist z.T. möglicherweise unbrauchbar  geworden oder mangelhaft. Die eigenen  Kräfte haben nachgelassen. Und so setzt man vielleicht müde Stein auf Stein, um am Ende vor einem Gebäude zu stehen, das u.U. in nichts demjenigen gleicht, welches sich einst prunkvoll vor einem erstreckte. Dabei hätte es doch so einfach sein können, dieses zu erhalten und zu pflegen, wenn man nur gewollt sowie den Mut und die Energie aufgebracht hätte, hinzusehen und Dinge in Angriff zu nehmen, welche keinen Aufschub duldeten.

Sich wohl zu fühlen ist eine Sache, sich in einer Komfortzone dauerhaft einzurichten eine andere. So lange wir atmen verändert sich unser Leben. Wollen wir wirklich nur Statisten darin sein, geschehen lassen oder Akteure sein? Diese Frage kann nur jeder für sich selbst beantworten. Wer aber selbst-bewusst leben und sich mit seinem Lebenshaus dauerhaft identifizieren möchte, kommt nicht daran vorbei, auch mal die Ärmel hochzukrempeln. Vielleicht  wird er dabei ja auch unterstützt…

2 Kommentare zu „Das Leben ist eine Baustelle 

  1. Den Satz „Vielleicht wird er ja unterstützt“ finde ich sehr bedeutsam. In einer Zeit des Individualismus wird leider oft vergessen und verdrängt, dass die existenzielle Basis – also das Fundament unseres Lebenshauses – die Gemeinschaft ist. Ein Kind, das sich nicht in einer liebevolle Gemeinschaft – ent-wickeln kann, hat nicht ganz unwesentliche physische und psychische Defizite. Es lebt und lernt in Begegnungen. Es lernt an Modellen anderer und danach richtet sich auch die Ent-Wicklung des Lebenshauses aus. Ein Haus wird gemeinsam bewohnt, es lebt in seiner Substanz von der Resonanz der Besucher – also der Freunde, der Familie, den Gästen. Leider ver-kümmert dies in unserer Gesellschaft seit vielen Jahren. Wo sind die Menschen, die zu-hören. die sich kümmern, die auf-merksam sind, die liebe-voll in der Begegnung sind? Ich habe dazu in meiner Weihnachtswerkstatt einen sinn-vollen Text gefunden: „Alles, was wir für uns selbst tun , tun wir auch für andere – und alles, was wir für andere tun, tun wir auch für uns selbst.“

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    1. Lieber Tom, ja, in unserem Lebenshaus gibt es auch Mensch en — freiwillig oder unfreiwillig, auf Dauer oder für eine begrenzte Zeit. Jeder Mensch ist verschieden und dementsprechend wählen manche für sich die Unverbindlichkeit. Ich finde auch, dass an dieser unsere Gesellschaft krankt. Das merkt der Betroffene selbst, wenn er mit ihr konfrontiert wird, obwohl er diese gerade nicht braucht. Aber er hat vorher irgendwann einmal eine Wahl getroffen. Verbindlichkeit zum Eigennutz ist jedoch nicht authentisch und fragwürdig. Trifft man jedoch die Wahl für eine zwischenmenschliche Beziehung, ist jemand anders Teil des Lebenshauses, kommt man nicht umhin, auch hier draufzuschauen, zu pflegen, ggf. zu reparieren, bevor es zu spät ist und der andere durch die Tür geht und sie für immer hinter sich schließt.

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