Was du suchst, das sucht dich

Uns widerfahren Dinge, die vorher unmöglich schienen. Uns geschehen immer wieder dieselben Dinge und wir fragen uns nach dem Warum. Nicht selten nehmen wir uns als Opfer wahr und sehen dabei nicht, dass wir eben keine passive Rolle innehaben, sondern unsere Geschicke auch und vor allem selbst bestimmen.

Durch unser Auftreten, unser Denken und Handeln senden wir Botschaften an andere. Wie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip geschieht es, dass diese andocken. Aus dieser Verbindung entsteht etwas Neues, idealerweise Gutes. Das ist aber leider nicht immer so.

Ich erinnere mich an eine Diskussion, die ich bzgl. Jugendlicher hatte, welche auf die sog. schiefe Bahn geraten. Oft wird das Umfeld dafür verantwortlich gemacht. Vor allem Eltern scheinen mit diesem Gedanken besser leben zu können. Aber das stimmt so nicht. Man gerät in das Umfeld, von dem man sich angezogen fühlt und in welches man sich selbst begibt. Da gibt es eine wechselseitige Dynamik. Da ist keine Seite passiv.

Und genau so verhält es sich mit Beziehungen jeder Art. Was müssen wir also tun, um zu verhindern, dass uns Dinge widerfahren, welche uns nicht guttun, im schlimmsten Fall unser Leben vergiften? Was können wir tun, um Verbindungen mit Menschen einzugehen, aus denen Positives erwächst?

Wir sind der Schlüssel. Wir müssen uns fragen, warum es uns wohin zieht und genau da ansetzen, uns darüber bewusst werden, welche Signale wir senden und empfangen und u.U. einen Richtungswechsel vornehmen. Die gewonnenen Erkenntnisse und deren anschließende Umsetzung können Erstaunliches bewirken. Und wenn es dann doch wieder passiert, dass wir in eine Krise geraten, sollten wir deren Muster untersuchen und diese als Erfahrung verbuchen. Wachstum ist auch immer mit Schmerzen verbunden. Aber es bewegt sich dadurch etwas, und zwar in die richtige Richtung…

Aufbruch

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Wir leben. Wir glauben das. Nein, wir sind uns ganz sicher. Klar tun wir das. Wir atmen, wir bewegen uns, haben unsere mehr oder weniger geliebten Rituale, die uns begleiten und uns teils vermeintliche Sicherheit geben. Rituale sind wichtig. Sie geben Verlässlichkeit. Jeder weiß, dass sie gerade für Kinder wichtig sind und auch wir selbst würden viele von ihnen nicht missen wollen. Wie anstrengend wäre es doch, müsste man z.B. seine Beziehungen zu anderen täglich neu definieren und ordnen. Wie ermüdend wäre es, sich jeden Morgen vorzunehmen, seine Zahnbürste anders zu halten? Allerdings habe ich schon einmal gelesen, dass man dieses zur Steigerung seiner kognitiven Fähigkeiten ab und an tun soll…

Rituale sind also per se nicht schlecht. Das trifft aber nicht immer zu. Manchmal nehmen sie einem auch die Luft zum Atmen – nämlich dann, wenn man sie fortführt, obwohl sie sich überlebt haben, weil es scheinbar so bequem ist. Sie bestimmen dann über das Leben einer Person, welche sich ihnen im schlimmsten Fall bedingungslos ergibt. Betroffene verfallen in eine Art Schockstarre und werden u.U. handlungsunfähig, was die selbstbestimmte und aktive Gestaltung ihres Lebens betrifft – lebendig begraben in der eigenen Existenz…

Es gibt aber auch diejenigen, welche ebensowenig auf das eine oder andere Ritual verzichten möchten. Sie halten jedoch immer wieder inne und fragen sich, wie sich das, was bei ihnen ankommt, anfühlt. Das kann mitunter quälend und anstrengend für sie selbst und ihr Umfeld sein. Aber mit ihrem starken Bedürfnis, sich zu spüren und bewusst zu leben können sie gar nicht anders. Dafür werden sie teils geliebt, teils gehasst. Denn sie sind oft ohne Gnade, wenn es darum geht, sich selbst oder dem andern den Spiegel vorzuhalten. Zu tief bohrt sich der Stachel ihrer teils kompromisslosen Sicht aufs Leben in das Bewusstsein der Menschen, lassen sie dieses erst einmal zu.

Aber wie ist es denn nun, wenn man morgens aufwacht und sich das, woran man geglaubt und wofür man gelebt hat, falsch anfühlt? Wenn am Ende eines Prozesses, welcher vielleicht kaum bemerkt im Hintergrund ablief, diese Erkenntnis steht? Nun, viele Möglichkeiten gibt es da nicht: Man kann den notwendigen Mut dafür aufbringen, sich der Herausforderung zu stellen, auf sein Leben zu blicken – ganz bewusst – und gegebenenfalls neu zu ordnen. Das kann sehr schmerzhaft sein – nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern für alle Beteiligten. Gleichzeitig besteht die Chance auf Neues, möglicherweise für genau diesen Lebensabschnitt Besseres, vor allem Richtiges. Man kann aber auch alles so lassen, wie es ist, die Realität soweit ausblenden, dass man sich nicht mehr spürt. Man wacht für den Rest seiner Tage im falschen Leben auf, weil man vor diesem und sich selbst kapituliert hat. Man gibt sich auf. Ich denke, das ist ein Fehler. Alte Strukturen aufzubrechen hat auch etwas Befreiendes. Man macht sich auf und schafft etwas Neues. Und am Ende sagt man sich vielleicht doch, dass es gut war…

 

 

 

Wofür es sich zu kämpfen lohnt


Den Impuls, diesen Artikel zu schreiben, bekam ich wieder einmal von einer lieben Freundin, die im Rahmen eines Gesprächs mit einer weiteren Lebensweisheit ihres Mannes aufwartete. „Choose your battles wisely.” Ja, man sollte sich wohl überlegen, wofür oder wogegen oder gegen wen man kämpft.

Konflikte und Machtkämpfe entstehen oft daraus, dass wir uns selbst oder unsere Belange für wichtiger als andere und deren Befindlichkeiten halten. Oft beginnen wir auch gegen andere ins Feld zu ziehen, um unser mangelndes Selbstbewusstsein zu kompensieren. Letztendlich geht es in diesen Fällen immer um Macht und Überlegenheit oder einfach darum, auf seiner Position zu beharren, weil wir denken, wir seien im Recht. Aber alles im Leben hat seinen Preis…

Tatsächlich hinterlässt jeder mehr oder weniger heftige Kampf Spuren, macht etwas mit uns. Oft geschieht das so subtil, dass wir uns dessen gar nicht bewusst werden, sondern dass es je nach Fülle und Heftigkeit der Auseinandersetzungen sowie der Länge und Qualität der darauffolgenden Erholungsphasen dazu kommt, dass am Ende nur verbrannte Erde übrig bleibt, ohne dass wir es haben kommen sehen.

Jeder Kampf erfordert Reserven. Sind diese aufgebraucht, geht er an die Substanz, die ausgehöhlt wird, bis es im schlimmsten Fall zum totalen Zusammenbruch kommt. Aber wollen wir das, ist es das wert?

Eine Freundin sagte mit einmal, ich sei zu nachgiebig, ich würde zu viel schlucken. Das sehe ich nicht so. Richtig ist aber, dass ich nicht alles kommentiere, Dingen nicht mehr Bedeutung zumesse oder Raum gebe, als sie es verdienen. Vieles ist mir einfach nicht wichtig oder sagen wir mal so wichtig, dass ich es thematisiere oder auf meinem Standpunkt beharre. Ich spare mir meine Kräfte für die Kämpfe auf, die ich kämpfen muss. Und da kommt im Laufe eines Lebens für einige doch manches zusammen.

Tatsächlich lohnt es sich eher für als gegen etwas zu kämpfen. Letzteres schafft Neues, was für Ersteres oft nicht zutrifft, da es im besten Fall meist ausschließlich dazu dient, Schaden abzuwenden oder zu begrenzen. Im schlimmsten Fall will es aber nur vernichten — mit dem Resultat, dass am Ende nur verbrannte Erde übrig und man selbst auf der Strecke bleibt.

Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemanden bist du die Welt


Damit die These aus der Überschrift sich für uns als wahr erweist, müssen wir bereit sein,  Menschen und Dinge jenseits von Normen zu betrachten.

Dieses Foto ist eine Netzperle. Im Internet findet man viele Sinnsprüche, die bei näherem Ansehen eindimensional bis unsinnig sind. Manche Menschen warten mit einem ganzen Repertoire an solchen Versen auf und denken, sie hätten damit das Leben verstanden und es genüge, andere förmlich damit zu erschlagen, während diese persönlichen Beistand brauchen — abgedroschene Phrasen, herausgerissen aus dem Kontext, Worthülsen, welche sich allzu oft als leer erweisen.

Aber dann gibt es auch die wenigen, welche immer zu passen scheinen: „Es ist schön, in jemandem etwas zu sehen, was sonst niemand sieht.” Das ist die Botschaft des Fotos.

Tatsächlich ist es so, dass manche von einer in Stereotypen gefangenen, mit Blaupausen des Idealen ausgestatteten Masse nicht wahrgenommen werden.  Aber will man das? Will man möglichst alle bedienen oder für wenige ganz besonders sein…?

Schon als Kind wurde ich gefragt:„Was willste den damit, mit dem, mit der?” Nicht immer konnte oder wollte ich diese Fragen beantworten. Und das geht mir noch heute so. Es gibt Dinge, es gibt Menschen, die mich zum näheren Betrachten, einer Entdeckungsreise einladen. Da brauche und will ich mich nicht rechtfertigen. Ist es nicht viel spannender, schöner, selbst Türen zu öffnen, die ersten Tritte zu machen, wie Spuren im Neuschnee?

Oft bedarf es eines zweiten Blickes oder mehrerer, um für sich die Schönheit des Betrachteten zu entdecken. Um das zu tun, bedarf es an Raum und Authentizität. Und gerade damit tut sich ein mancher in einer Welt, wo inoffizielle Normen schnell eine Eigendynamik entwickeln, schwer.

Um aber entdeckt zu werden, nicht ein Irgendjemand zu bleiben, muss man sich auch etwas öffnen. Denn auf Einbahnstraßen begegnet man einander nicht…

Über die Macht des Wortes


Ich mag Worte — manche mehr, manche weniger. Zu letzterer Gruppe gehört das Wort „Macht”. Warum ich es nicht sehr mag? Macht verbinde ich damit, dass es eine überlegene Seite gibt, ein Ungleichgewicht der Kräfte. Macht über jemanden, über etwas zu haben ist oft auch mit Schmerz und Leid verbunden. Das ist das, was mir an Macht missfällt. Vergegenwärtigt man sich jedoch, dass „Macht” und „machen” derselben Wortfamilie angehören, so wird dem Machtbegriff erst einmal die Schärfe genommen.

Zu machen bedeutet aktiv zu sein, etwas zu bewegen, anstatt geschehen zu lassen. Aber bevor man macht, bevor man handelt oder zum Handeln motiviert, bedarf es zuweilen geeigneter Worte. Mit diesen können sogar Massen bewegt werden, was auch traurige Beispiele in Geschichte und Gegenwart belegen.

Allzu oft wird die Wirkung des Wortes unterschätzt — ebenso, welch Werkzeug derjenige, der es äußert, in der Hand hält. Worte können wie Schwerter sein. Ja, auch das ist zutreffend. Mit Worten lässt es sich spielen und jonglieren, unschuldig können sie aus dem Mund sprudeln, sich über Papier oder Tastatur ergießen oder bewusst eingesetzt werden — mit hehrem oder unhehrem Ziel.

Auf mich haben Worte und Sprache seit jeher große Faszination ausgeübt. Wie wunderbar lassen sich darin Gedanken verpacken, wie groß kann die Herausforderung auf der Suche nach der geeigneten Formulierung sein. Wie glücklich kann man sein, wenn diese gelungen ist.

Aber eine Schwäche hat das Wort — nämlich dann, wenn es ein solches bleibt. Wenn zwischen Wort und Tat unüberwindbare Gräben liegen, sie nicht zueinander passen wollen. Es genügt eben nicht, mit leeren Worthülsen um sich zu werfen. Denn das nimmt Worten die Kraft. Kommt aber zum Wort die Tat, entsteht dadurch u.U. auch Macht. So wird aus der Macht der Gedanken die des Wortes und am Ende der Tat. Das sollten wir im Auge behalten, wenn wir selbst mit Worten umgehen oder andere dabei beobachten. Wir sollten in manchen Momenten genau hinhören, welche Worte uns erreichen oder wir von uns geben. Sie könnten mehr Macht haben als man ihnen zutraut und am Ende entscheiden, ob wir glaubwürdig sind, nachdem man uns an ihnen gemessen hat…

Der Zirkus, der sich Leben nennt


Dieses Foto gehört zu einer Datenbank lizenzfreier Fotos. Ich finde ihn sehr schön, diesen Blick hinter die Kulissen. Als unsere Jungs noch klein waren, besuchten wir oft den Zirkus. Damals machten sich die Menschen noch nicht so viele Gedanken darüber, wie es den Tieren damit geht, in engen Käfigen untergebracht von Ort zu Ort zu reisen und ihre Kunststücke vorzuführen. Wir lachten und freuten uns mit den Kindern. Ich weiß selbst nicht genau, was mich am Zirkus so fasziniert. Ist es das Bunte, die teils wilde Akrobatik, sind es die Augen der Kinder, die eigenen, die immer größer werden?

Mit den Jahren ändert sich der Blick auf viele Dinge und so genieße ich heute die Besuche des Cirque du Soleil, wo ausschließlich Menschen schier Unmögliches vollbringen, eingebettet in einen wunderschönen Kontext aus  wunderschöner Kulisse, herrlich schillernden Kostümen, eigens komponierter und ergreifend vorgetragener Musik sowie einer…Geschichte. Für ein paar Stunden bin ich gefangen von dem Zauber unter dem Grand Chapiteau, welches ich im Anschluss an die Vorstellung tief berührt verlasse.

Und unser Leben —  ist das nicht auch wie ein Zirkus? Macht es nicht auch neugierig und ist in seiner Wildheit und Unberechenbarkeit in gewisser Weise furchteinflößend? Es kann ebenso laut und still sein — so bunt und doch so trist. Man riskiert, sich bei Drahtseilakten und gewagten Sprüngen blaue Flecken oder gar Schlimmeres zu holen. Wie ein Artist steht man auf, schüttelt sich, macht weiter, erholt sich langsam oder gar nicht. Und wenn man sich darauf einlässt, auf den Zirkus, der sich Leben nennt, spürt man in einem Moment den Funken der Euphorie, im andern das Brennen des Schmerzes.

Geht man einmal durch diese Tür, weiß man nicht, was einen erwartet, außer dem Leben — mit allem, was dazugehört. Lässt man sich jedoch nicht ein auf dieses Risiko, wird man sich vielleicht nie so spüren, wie wenn man diesen Schritt gewagt hätte, wird man nie erfahren, wie schillernd bunt die eigene kleine Welt hätte sein können.

Ich würde mich immer wieder auf dieses Zirkusabenteuer einlassen…

Für diejenigen, die sich auf eine Zeitreise begeben und einen Einblick ins Zirkusleben bekommen möchten, habe ich hier noch einen Buchtipp. Dieses Werk hat mich in seinen Bann gezogen und nie ganz losgelassen…

Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Dieses Foto entstand an einem nebligen Tag am Hafen von Leer, wo wir seit 20 Jahren leben. Den ganzen Tag blieb das Wetter so. Die düstere Atmosphäre hatte auch etwas Faszinierendes, weshalb ich die Gelegenheit nutzte, mit der Kamera an verschiedenen Orten diese einzigartige Stimmung einzufangen.

Die Brücke und das Gespräch mit meiner Freundin Betzy haben mich zu diesem Eintrag inspiriert. „Ich werde mich kümmern wenn’s soweit ist.” Das entspricht im Deutschen dem in dem Foto enthaltenen Zitat. Dieses wie manch anderes lädt mich zum Innehalten ein, so wie ich dieses wie manch anderes verinnerliche.

Viele Menschen streben nach Sicherheit. Sie machen sich damit froh zu glauben, dass sie ihr Leben kontrollieren können. Sie planen und entwerfen auf dem Reißbrett eine persönliche Agenda, glaubend, es werde alles so eintreten, wie sie es sich vorstellen und zurechtlegen. Dadurch blenden sie aus, dass sie tatsächlich gar nichts unter Kontrolle haben, dass sie wohl Weichen stellen können, aber ihr Lebenszug jederzeit ins Stocken geraten, zwischenzeitlich zum Stillstand kommen oder gar entgleisen kann.

Sie verwenden viel Zeit darauf, über das Morgen zu grübeln, machen sich Sorgen über Dinge, die ohnehin meist anders eintreten als in ihrem Kopfkino. Der Franzose spricht in einem solchen Fall von „se préoccuper”. Zerlegt man diesen Begriff, der „sich ängstigen” bedeutet, in seine Bestandteile, dann bedeutet das soviel wie „sich vorher mit etwas beschäftigen”.

Damit sind wir wieder bei dem englischen Sprichwort. Manchmal lohnt es sich einfach abzuwarten, bis man sich einer Herausforderung gegenüber sieht. Es hat keinen Sinn, Szenarien durchzuspielen, die mit zu vielen Unbekannten verbunden sind, wo man selbst kaum ins Geschehen eingreifen kann.

Weichen zu stellen, Dinge einzuleiten und gleichzeitig gelassen zu bleiben, scheinen schwierig miteinander vereinbar. Und dennoch ist genau dieses unerlässlich, will man nicht über das Grübeln das Leben vergessen und am Ende feststellen, dass dieses währenddessen an einem vorbeizieht und es erstens anders kommt und zweitens als man denkt…